Zahlen und ihr Gift

Bei einem Denkwochenende sprachen wir über unseren Umgang mit Geld. Als Beispiel für ihre Schwierigkeiten, sich etwas zu gönnen, erzählte eine Frau von ihrem Einkauf in unserer Mittagspause. In einem Drogeriemarkt hatte sie auf der Suche nach etwas anderem eine hübsche, bunte Pinzette entdeckt, die genau solche Greifarme hatte, wie sie sie brauchte. Voller Freude legte sie sie in ihren Einkaufskorb. Doch als sie den Preis sah – etwa doppelt so hoch wie die billigste Pinzette im Angebot, also vielleicht 3 € statt 1,50 – war ihre Freude weg. Stattdessen überlegte sie, ob sie die Pinzette wirklich kaufen sollte, da sie ja zuhause schon mehrere hatte. Als wir über das Erzählte nachdachten, fiel uns auf, dass das “Gift”, das die Freude kaputtgemacht hatte, die Zahl war, die den Blick weg von dem schönen Gegenstand auf andere Überlegungen richtete.

Seit etwa drei Jahren besitze ich ein E-Bike. Viel Freude hat es mir bis vor ein paar Wochen nicht gemacht. Denn um mir selbst und ökologisch noch strengeren FreundInnen gegenüber den zusätzlichen Stromverbrauch zu rechtfertigen und ja nichts von meiner Fitness einzubüßen, ließ ich den Motor meistens aus oder wählte die geringste der zwölf Unterstützungsstufen ,”ECO 1″. Für den steilen Berg vor unserem Haus gönnte ich mir nur mittlere Unterstützung statt der höchsten Stufe, die mir einst bei der Probefahrt ein steiles Tal hoch so viel Spaß gemacht hatte.

Dann rutschte mir zweimal hintereinander der Fahrradcomputer aus der Hand und fiel auf den Betonboden des Fahrradschuppens. Beim ersten Mal hatte er nur einen Riss im Display, seit dem zweiten Mal ist dort nichts mehr zu erkennen außer ein paar Schatten, wenn die niedrigste Stufe eingestellt ist. Da ein neuer Computer für ein E-Bike richtig Geld kostet, bin ich froh, dass er ansonsten weiterhin funktioniert. Ob ich noch Strom habe, kann ich an den Leuchtbalken am Akku erkennen. Ob der Motor an ist, kann ich hören. Und welche Unterstützung mir gerade gut tut, kann ich spüren. Dass ich jetzt freier bin, mir diese zu gönnen, muss irgendwie damit zusammenhängen, dass ich jetzt nicht mehr von den Zahlen auf dem Display terrorisiert werde. Sie verstärkten meinen Sparwahn, brachten mich zum Vergleichen und Mich-Verbessern-Wollen. Der Bonus war, dass ich damit angeben konnte, wie viele Kilometer ich mit einer Akku-Ladung geschafft hatte.

Erst jetzt merke ich, dass ich vorher ständig auf die Zahlen auf dem Display gestarrt habe, anstatt in der Gegend herumzuschauen. Vor allem ließ ich mich von der Angabe unter Druck setzen, wie viele Kilometer ich noch mit meiner Akku-Ladung fahren kann, wenn ich mit der jeweiligen Unterstützung weiterfahre. Diese Zahl war permanent geringer als die, die ich in Wirklichkeit schaffte, was mich vor allem in der ersten Zeit sehr irritierte, aber dass sie abnahm, wenn der Motor an war, dass ich also Strom verbrauchte, ließ mich den Motor immer wieder schnell ausschalten und hielt mich auch davon ab, stärkere Unterstützungsstufen auch nur in Betracht zu ziehen.

Vor dem E-Bike hatte ich meinen Fahrradcomputer nur bei Radtouren eingesetzt. Auch damals schon waren die ständige Geschwindigkeitsangabe vor meiner Nase, die Angabe der Durchschnittsgeschwindigkeit, die Tageskilometer und die Gesamtkilometer der Tour nicht ohne Einfluss auf mich, denn sie brachten mich zum Vergleichen und weckten den Wunsch, mich zu verbessern oder auf jeden Fall nicht zu verschlechtern. Wenn ich von meiner Radtour erzählte, war oft die erste Frage der anderen, wie weit ich denn pro Tag und insgesamt gefahren sei, da wollte ich mit der Zahl der Kilometer doch auch ein bisschen angeben können. Schade fand ich es ja schon, dass ich nach meiner letzten Radtour darüber so gar nichts sagen konnte. Doch dafür hat mir das Radfahren selbst viel mehr Freude gemacht.

Kulturverlust im öffentlichen Raum 3: Sich an Regeln halten

Seit Wochen schwanke ich hin und her, ob ich den angekündigten dritten Teil meiner Serie über Kulturverlust noch schreiben und veröffentlichen soll. Es war zwar nur ein einziger Kommentar auf Facebook, der meinen Text über den Verlust von Rücksichtnahme als „spießig“ bezeichnete, mit der Begründung, ich würde pauschalisierend und ausschließlich negativ über junge Leute schreiben. Auch wenn das nicht stimmt, erwischte mich dieses Urteil an dem Punkt, wo ich selbst unsicher bin, ob es sinnvoll ist, Beispiele für diese Art von Kulturverlust zusammenzutragen und vor den von mir befürchteten gesellschaftlich-politischen Folgen zu warnen. Sollte ich mich nicht lieber einfach so gut wie möglich anpassen an die Veränderungen, in dem Bewusstsein, dass es ja die jüngeren Generationen sind, die in dieser Welt weiterleben müssen und die ja offensichtlich nicht unter dem leiden, was ich hier als „Kulturverlust“ bezeichne, sondern ganz gut damit zurechtkommen?

Da ich aber weiterhin fast täglich etwas in der Zeitung lese, was meine Befürchtungen bestätigt, werde ich meine Serie mit diesem letzten Blogpost nun doch noch abschließen.

Heute las ich von einem Autounfall, der deshalb passierte, weil ein Fußgänger bei Rot über eine Ampel ging, worauf dem Auto, das deshalb bremsen musste, ein zweites hinten auffuhr. Der Fußgänger kümmerte sich jedoch nicht um den von ihm verursachten Unfall, er suchte schnell das Weite. Dies ist ein eher harmloses Beispiel für Folgen des Sich-nicht-an-Regeln-Haltens, es gab ja „nur“ Sachschaden, – Pech für die beiden Autofahrer. In einem anderen Zeitungsausschnitt wird berichtet, dass zwei Radler, die das Rotlicht missachteten, mit einem Auto zusammenstießen, einer verletzte sich dabei schwer. Auf jeden Fall nehmen Unfälle zu, und es wird anstrengender, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, weil es immer weniger Selbstverständliches gibt, auf das man sich verlassen kann.

Schwerwiegender finde ich es, wenn die Ohnmacht, die diejenigen empfinden, die darunter leiden, dass sich immer weniger Menschen noch an Regeln halten, zu gewalttätigen Maßnahmen greifen und wenn die Stimmung im öffentlichen Raum dadurch immer unfreundlicher und aggressiver wird.

Da ich eine von denen bin, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Radfahrer mittlerweile mit großer Selbstverständlichkeit Fußgängerwege für sich beanspruchen – in den Städten, aber vor allem auch in den Wäldern, wo die Wege durch die Radfahrer bei Nässe gleichzeitig auch noch zerstört werden – ohne dass irgendetwas dagegen getan wird und ohne dass sie Argumenten dagegen zugänglich sind, war ich nicht allzu sehr überrascht, als ich vor ein paar Tagen in meiner Zeitung den Artikel „Selbstjustiz im Wald“ las (Badische Zeitung, 15.6.15), in dem zusammengetragen wird, was es schon alles an Radlerfallen im Wald gibt: abgesägte Schrauben, die aus Wurzeln herausragen, umgekippte Baumstämme, gespannte Drahtseile und richtig fest zusammengezimmerte Hindernisse, die auf den Wanderwegen, aber sogar auch auf reinen Mountainbike-Abfahrtsstrecken aufgestellt werden.

Auch das Ohnmachtsgefühl gegenüber Hundehaltern, die ihre Tiere nicht bei sich behalten (können) und sich lustig machen, wenn andere Menschen ein Problem damit haben, dass plötzlich ein fremder Hund auf sie zu gerannt kommt, kann ich gut nachvollziehen, nicht jedoch das Auslegen von Giftködern, das sich gegen die Hunde richtet, die ja schließlich nichts dafür können, wenn ihre Besitzer sich nicht an Regeln halten („Hundehasser legen Giftköder aus“, Badische Zeitung, 08.06.2015).

Natürlich sind Regeln immer übertreten worden, und auch ich habe das als junge Frau mit viel Spaß getan und mich über die aufgeregt, die darüber meckerten. Was sich aber geändert hat und warum ich von „Kulturverlust“ spreche, ist die inzwischen weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber Regeln, auch bei Menschen der mittleren Generationen. Ich denke oft, ich sei die Einzige, die beim Radfahren noch eine Richtungsänderung durch ein Handzeichen anzeigt, die wenigsten Erwachsenen tun das noch, geschweige denn die Kinder und Jugendlichen, die das ja extra bei aufwendigen Fahrrad-Übungsstunden und -prüfungen gelernt haben müssten. Mehrmals habe ich Polizisten beobachtet, die nichts unternahmen, als neben ihnen Radfahrer auf dem Gehweg fuhren oder Jugendliche mitten im dichtesten Verkehr zu zweit und zu dritt auf Rädern herumturnten, wobei sie massiv den Verkehr behinderten und sich und andere gefährdeten. Umgekehrt bewirkte noch nicht einmal die Anwesenheit von Polizei, dass die betreffenden Personen sich – zumindest kurzfristig – an die Regeln erinnerten. Ich denke, dass auch die PolizistInnen keine Lust mehr haben, sich dumme Bemerkungen, möglicherweise sogar tätliche Angriffe und ein Ohnmachtsgefühl abzuholen, wenn sie nicht gerade in einer der wenigen Verkehrskontrollen die Möglichkeit haben, ein paar kleine Geldstrafen zu verhängen, die für die meisten so lächerlich sind, dass sie keinerlei Verhaltensänderung bewirken. Früher war es eine wirkungsvolle Drohung, wenn ein Nachbar bei einer lauten Party mitten in der Nacht sagte, er werde die Polizei rufen, heute löst das allenfalls noch Schulterzucken aus.

Irgendwann kam ich mir auch dumm vor, wenn ich an Fußgängerampeln wartete, weil Kinder in der Nähe waren, während sogar Eltern mit ihren Kindern bei Rot über die Ampel gingen. Neulich sagte ich einer Jugendlichen, die mit dem Rad durch eine recht enge Fußgängerpassage fahren wollte, dass sie hier nicht fahren dürfe – sie sah es ein und wollte gerade absteigen –, da ging ihre Mutter, die hinter ihr zu Fuß unterwegs war, auf mich los und beschimpfte mich. Meiner Erfahrung nach sind es eher Angehörige der mittleren Generationen, die schnell ausfallend werden, wenn andere sie (oder ihre Kinder) zum Einhalten von Regeln auffordern. Junge Leute sagen meistens freundlich „ja, ich weiß“, kümmern sich dann aber nicht um das, was ich gesagt habe.

Zwei Gedanken habe ich noch dazu, wie es zu diesem Kulturverlust kam und warum das wirklich ein Verlust ist. Der eine Gedanke wird in einem Cartoon auf den Punkt gebracht, den ich neulich bei Facebook sah: Eine Mutter wird von einem Passanten auf einem öffentlichen Platz gefragt, warum sie ihren Kindern erlaube, auf dem Rasen zu spielen, wo das doch verboten sei. Sie antwortet: „Wegen Auschwitz“. Die anti-autoritäre Bewegung, die hierzulande eher eine Laissez-faire-Bewegung war, verstand sich in vieler Hinsicht als Antwort auf das massenhafte gedankenlose Befolgen von Vorschriften unter der Nazi-Diktatur. Kinder sollten alles selbst entscheiden und sich nichts mehr vorschreiben lassen. In der Praxis der anti-autoritären Erziehung, wie sie im englischen Summerhill gelebt wurde, wandte man sich dagegen nicht gegen Regeln generell, sie sollten nur von den Kindern selbst gefunden und kontrolliert werden. Eindrucksvoll war für mich eine Untersuchung über die Veränderungen der Beziehungen in einem Kinderladen, in dem Erwachsene sich überhaupt nicht in das Geschehen zwischen den Kindern einmischten, also nicht einmal beratend und schützend. Während sich in anderen Kindergärten in der Regel eine Hierarchie zwischen den Kindern nach dem Schema Ältere Jungen – Ältere Mädchen – Kleinere Jungen – Kleinere Mädchen herausgebildet hatte, dominierten nun die ältesten und stärksten Jungen vor den kleineren Jungen, während beide zusammen die Mädchen tyrannisierten. Regeln können helfen, dass sich eben nicht nur Körperkraft und Draufgängertum durchsetzen, sondern auch andere Qualitäten. Auch die Untersuchungen von Elinor Ostrom über Selbstorganisation beim gemeinsamen Nutzen von Ressourcen zeigen, wie wichtig hier das Erarbeiten stimmiger Regeln und die Kontrolle ihrer Einhaltung war.

Der zweite Gedanke hat mit einer Erfahrung zu tun, die ich bei einem Adventskaffee mit einer Bekannten und ihrem damals etwa vierjährigen Sohn machte. Ich sollte bei einem Brettspiel mitmachen, das der Junge gerade geschenkt bekommen und schon öfter mit seiner Mutter gespielt hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich die Regeln kapiert hatte, was vor allem daran lag, dass Mutter und Sohn sich nicht daran hielten. Als ich die beiden darauf ansprach – ich hatte keine Lust, auf diese Weise weiterzuspielen – belehrte mich die Mutter, dass sie ihren Sohn noch zu klein dafür finde, sich an Regeln zu halten, und dass sie daher auf diese Weise mit ihm spiele. Ich war der Meinung, dass ein Kind, das angeblich zu klein für die Regeln eines Brettspiels ist, dann auch kein Brettspiel machen muss, es gibt so viele andere Spielmöglichkeiten. Und ähnlich wie mit dem Brettspiel ist es auch mit den vielen Fahrzeugen, mit denen Kinder auf den Gehwegen und manchmal auch auf Straßen herumfahren, was ihnen ohne Weiteres zugetraut wird, während sie für das Erlernen der dafür notwendigen Regeln angeblich noch zu klein sind. Solche Bobby-Car-Kinder fahren heute auch als Erwachsene noch so mit ihren Rädern auf den Gehwegen und Straßen herum, wie sie es als Kinder taten, und erwarten, dass die anderen Menschen auf sie aufpassen, wie die Erwachsenen das damals selbstverständlich getan haben. Wenn sie dafür kritisiert werden, erleben sie es als bösartigen Liebesentzug, als Verweigerung einer Rücksichtnahme, die ihnen selbstverständlich zuzustehen scheint – und reagieren entsprechend.

Kulturverlust im öffentlichen Raum 2: Rücksichtnahme

Neulich berichtete meine Zeitung in einer kleinen Notiz von einem Todesfall, der mit meinem Thema zu tun hat: Ein Radfahrer, der wahrscheinlich zu schnell und zu nah an einem Fußgänger vorbeifuhr, stürzte, weil dieser den Ellbogen herausstreckte, ob mit Absicht oder aus Versehen, erfahren wir nicht. Der Radfahrer stand schnell wieder auf und schlug den Fußgänger ins Gesicht. Dieser fiel dadurch so unglücklich hin, dass er an den Folgen seiner Verletzungen starb.

Diese Nachricht jagte mir einen ziemlichen Schrecken ein. Denn schon oft, wenn ich mal wieder zu Tode erschrocken war, weil ein Radfahrer in rasendem Tempo und so dicht an mir vorbeifuhr, dass er mich fast berührte, half mir gegen meine ohnmächtige Wut die Phantasie, dass ich ihn nur leicht anstupsen müsste, damit er von seinem hohen Ross herunterfällt (und sich ordentlich weh tut dabei).

Beide Beispiele zeigen, wie die Unfallgefahr und die Gewaltbereitschaft durch fehlende Rücksichtnahme potentiell steigen – bei mir Letzteres zum Glück nur in der Phantasie.

Man könnte auch eine falsche Verkehrspolitik dafür verantwortlich machen, dass so etwas passiert und dass Fahrradunfälle in letzter Zeit sprunghaft zugenommen haben. Denn damit der Autoverkehr nicht beeinträchtigt wird und um den RadfahrerInnen mehr Sicherheit zu bieten, müssen FußgängerInnen sich ihre Wege immer öfter mit RadlerInnen teilen, oft auch dann, wenn es offiziell – wie bei Wanderwegen – immer noch reine Fußgängerwege sind. Zusammen mit der Rücksichtnahme ging nämlich auch die Bereitschaft verloren, sich an Regeln zu halten. Seither ist das Bummeln in der Stadt und das Wandern in stadtnahen Wäldern leider keine Erholung mehr. Man könnte auch von einer umfangreichen Enteignung der zu Fuß Gehenden im öffentlichen Raum sprechen.

Als Radfahrerin bin ich natürlich froh, wenn ich nicht auf der Straße fahren muss. Bei einer Radtour in Schleswig Holstein fiel mir auf, dass RadfahrerInnen generell in den Ortschaften auf den Gehwegen fahren durften, weil die Radwege dann immer aufhörten. Es war deutlich, dass das den dort lebenden Menschen nicht gefiel, auch wenn ich sehr rücksichtsvoll war und meistens abstieg, wenn mir Menschen entgegen kamen. Politische Entscheidungen für gemeinsame Fuß- und Radwege setzen voraus, dass die Stärkeren – und das sind in diesem Fall die RadlerInnen – auf die Schwächeren Rücksicht nehmen, dass sie also bremsen und notfalls auch mal absteigen, anstatt die FußgängerInnen durch lautes Klingeln bei unverminderter Geschwindigkeit zu einem Sprung auf die Seite zu zwingen, was jedes Mal mit einem ziemlichen Schrecken verbunden ist. Eine Verkehrspolitik, die gemeinsame Fuß- und Radwege favorisiert, macht den Fehler, von einer noch vorhandenen Kultur der Rücksichtnahme auszugehen, denn nur damit kann das funktionieren. Ohne eine Kultur der Rücksichtnahme sind gemeinsame Rad- und Fußwege vor allem für ältere FußgängerInnen kaum noch gefahrlos begehbar.

Mit dem Verlorengehen der Fähigkeit und der Bereitschaft zur Rücksichtnahme hat es auch zu tun, dass FußgängerInnen nur noch selten ausweichen, wenn ihnen andere FußgängerInnen entgegenkommen. Hier könnte man auch von einer Kulturveränderung sprechen. Denn an die Stelle von Höflichkeit und Rücksichtnahme ist das Ideal der Coolness getreten, und das bedeutet, sich durch nichts und niemand vom eigenen Weg abbringen zu lassen, sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen und einfach nur stur sein Ding zu machen. Auszuweichen oder auch nur die Geschwindigkeit zu reduzieren, würde bedeuten, Verlierer und Opfer zu sein, und das muss unbedingt vermieden werden. Inzwischen habe ich festgestellt, dass es nicht schwer zu erlernen ist, sich auf diese Weise durchzusetzen. Irgendwann hatte auch ich genug davon, von den Entgegenkommenden oder kurz vor mir meinen Weg Kreuzenden einfach weggedrängt zu werden wie von Panzern und ständig in Schlangenlinien um die mir entgegen Kommenden herumlaufen oder gar auf die Straße ausweichen zu müssen. Wenn auch ich mir das Ausweichen abgewöhne, wird jede Begegnung zu einem kleinen Machtkampf darüber, wer den oder die andere zum Ausweichen zwingt. Wenn ich mich stark fühle, kann mir das sogar hin und wieder Spaß machen, doch meistens ist es unerfreulich und anstrengend. Und da es nicht leicht fällt, vom Kampf- in den Rücksichtnahmemodus umzuschalten, erschrecke ich dann plötzlich über mein eigenes rücksichtsloses Verhalten. Immer öfter kommt es auch zu schmerzhaften Rempeleien oder zu Situationen, die schnell in Gewalt umschlagen können.

Dass Eltern damit aufhörten, ihren Kindern Rücksichtnahme beizubringen, beobachtete ich schon vor mehr als zwanzig Jahren in meiner damaligen Nachbarschaft. Auch in der Schule war diese Veränderung nicht zu übersehen. Natürlich musste das Erziehungsmodell, mit dem meine Generation aufgewachsen ist, durch ein anderes abgelöst werden, bei dem die Würde und körperliche Unversehrtheit von Kindern respektiert und bei dem sie vor Ausbeutung geschützt werden. Doch nun kippte das vielfach in das andere Extrem, „Kinder an die Macht“ war ein Slogan dieser Zeit. In der Folge konnte ich beobachten, wie Eltern, vor allem Mütter, zu einer Art Bediensteter ihrer Kinder wurden, während früher wir Kinder den Eltern zu Diensten sein mussten. Selbstbestimmung war von den 70er Jahren an das höchste Erziehungsziel, das Wahrnehmen und Respektieren der Bedürfnisse anderer wurde dagegen immer weniger eingeübt. Als kinderfeindlich beschimpft zu werden, riskierten schließlich alle, die den Kindern vermitteln wollten, dass sie nicht allein auf der Welt sind, dass es Ruhezeiten gibt, dass sie zwar auf den Gehwegen mit ihren Kinderrädern fahren dürfen, aber dass es nicht in Ordnung ist, wenn sie laut klingelnd die FußgängerInnen verscheuchen. Oft wurde ich von Müttern angegriffen, wenn ich die Kinder freundlich um mehr Rücksichtnahme auf dem Gehweg oder darum bat, mit irgendeinem Lärm aufzuhören, z.B. als ein Kind immer wieder gegen die Metall-Einzäunung des Kinderspielplatzes unter meinem Fenster schlug, weil das so schön laut dröhnte. Man könne den Kindern doch nicht alles verbieten, war hier das Argument der Mutter. Auch neulich habe ich es im Zug wieder erlebt, dass die Eltern ihre das ganze Abteil beschallenden Kinder auch noch bestärkten, sich von der Alten ja nichts sagen zu lassen. Wenn ich es mit Kindern allein zu tun habe, ist es meistens nicht schwierig, ihnen achtsameres Verhalten beizubringen. So fiel mir in der Schule beispielsweise auf, dass einige Kinder einfach nicht wussten, wozu Türklinken da sind, sondern nur gelernt hatten, Türen lautstark zuzudonnern. Manche Kinder wussten nicht, wie Leise-Reden oder gar Flüstern geht, und wir hatten viel Spaß dabei, dies spielerisch auszuprobieren.

Ich sehe einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verlust von Rücksichtnahme und der mangelnden Bereitschaft von Eltern, ihren Kindern auch mal um des guten Zusammenlebens mit anderen willen Grenzen zu setzen. Wo Eltern ihren Kindern soweit irgend möglich die Führung überlassen – manche meiner Bekannten fragen ihre Kinder richtiggehend um Erlaubnis, wenn sie mal weggehen oder bei einem Kaffeeplausch etwas länger bleiben wollen – , würde das ja wahrscheinlich auch zu Konflikten führen, und um diese auszutragen, fehlt es in vielen Familien an Zeit und Kraft, da die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohne totale Überforderung ja, wie inzwischen allgemein bekannt ist, ein neokapitalistisches Märchen ist. Konflikte durchzustehen kostet Kraft. Wenn ich müde bin, lasse ich auch alles lieber laufen.

Rücksichtnahme ist unbequem, sie macht Mühe. Es ist in Bus und Bahn bequemer, wenn der Platz neben einem leer ist, als zu zweit nebeneinander zu sitzen. Deshalb ist es inzwischen üblich, die Tasche neben sich zu stellen oder im Zug den Koffer. Da vor allem ältere Menschen sich scheuen, anderen Mühe zu machen, indem sie darum bitten, Tasche oder Koffer anders unterzubringen, was oft nur sehr widerwillig geschieht, stehen sie dann lieber. Auch ein überfüllter Bus oder Zug führt meiner Beobachtung nach nicht dazu, dass die mit Taschen belegten Plätze von sich aus frei gemacht werden.

Es macht auch Mühe, das Gepäck im Zug so unterzubringen, dass es die durch den Gang Gehenden nicht behindert. Also lässt man es „erst mal“ stehen und schaut ungerührt zu, wie die anderen Menschen sich vorbeiquetschen oder ihre Koffer hochheben müssen, um über das Hindernis zu kommen. Es macht auch Mühe, den Müll, der sich bei einer längeren Zugreise angesammelt hat, in den Flur in die entsprechenden Müllbehälter zu bringen. Schließlich gibt es ja dafür Personal. Da mich der Müll stört, bin ich es inzwischen gewöhnt, zuerst meinen Platz im Zug aufräumen zu müssen. Mühe würde es auch machen, kleinen Kindern die Schuhe auszuziehen, bevor man ihnen erlaubt, auf die Sitze zu steigen, um besser hinausschauen zu können. Da kleinen Kindern schon lange von vielen Erwachsenen erlaubt wird, mit ihren Straßenschuhen auf die Sitze zu klettern – es sind ja nur Kinderschuhe! –, ist es nicht verwunderlich, dass auch Jugendliche und manchmal sogar Erwachsene ihre Schuhe an den Polstern der gegenüberliegenden Sitze aufstellen. Schließlich sitzt man so bequemer.

Dass Rücksichtslosigkeit und Bequemlichkeit zusammenhängen, fiel mir eines Tages an den Fahrradständern auf. Auch wenn das eigene Rad einen Fahrradständer hat, wird der nicht ausgeklappt, sondern das Rad einfach an den Fahrradbügel angelehnt. Dadurch kippt es dann gegen das Rad gegenüber und verheddert sich mit ihm, so dass es für die andere Person mehr Mühe macht, ihr Rad wieder freizukriegen. Diese Art von Bequemlichkeit hat auch mit der Gleichgültigkeit und Wegwerfmentalität gegenüber Dingen zu tun, da das Pflegen und Erhalten von Dingen nicht eingeübt wurde.

So ist inzwischen eine Generation herangewachsen, die es selbstverständlich findet, dass die anderen Menschen sich in erster Linie um ihr Wohl und ihre Bequemlichkeit kümmern, dass Eltern sich beispielsweise vor ihnen abstrampeln, während sie als kleine Paschas und Prinzessinnen bequem im Fahrradwagen sitzen. Leider hat die Dominanz der Richtung der Frauenbewegung, die sich eine Verbesserung ihrer Lebensumstände durch die Angleichung an das männliche Modell erhoffte, auch dazu geführt, dass der Benachteiligung, die viele Frauen meiner Generation darin sahen, dass sie ihren Müttern im Haushalt helfen mussten und ihre Brüder nicht, damit entgegengearbeitet wurde, dass die Mädchenerziehung an die Jungenerziehung angeglichen wurde, anstatt umgekehrt Jungen ebenfalls früh zur Mitarbeit anzuregen. Hierbei wäre natürlich auch ein väterliches Vorbildverhalten hilfreich gewesen.

Mit meiner Kritik an der fehlenden Erziehung zur Rücksichtnahme möchte ich keineswegs idealisieren, wie ich selbst aufgewachsen bin. Während heute eher erwartet wird, dass man Kinder beim In-der-Schlange-Stehen vorlässt – wodurch sie m.E. auch wieder etwas Falsches lernen, nämlich, dass Regeln für sie nicht gelten – musste ich als Kind im Laden oft länger warten, mit dem Argument, Kinder hätten jüngere Beine. Wenn ich im Weg stand, wurde ich nicht etwa gebeten, den Weg freizumachen, sondern wurde angeschrien und als rücksichtsloser „Stoffel“ beschimpft. Als „Stoffel“ wurden vor allem Menschen bezeichnet, die andere durch Gedankenlosigkeit unnötig behinderten. Ich murmle dieses Wort manchmal, wenn direkt vor mir jemand die Seite wechselt, so dass ich abrupt anhalten muss, mir die Tür ins Gesicht fallen lässt oder oben an der Rolltreppe mit Trolley stehenbleibt, so dass die Hochkommenden nicht von der Rolltreppe runter können. Auch wenn jemand einsteigt, bevor alle ausgestiegen sind oder sich beim Einsteigen oder beim Anstehen vordrängelt, fällt mir dieses Schimpfwort ein. Es war früher selbstverständlich, dass Kinder ihren Platz in vollen Zügen und Bussen hergeben oder sich zumindest einen Platz teilen mussten. Kein Kind hätte sich geweigert, für Ältere, Behinderte, für schwangere Frauen oder Frauen mit kleinen Kindern sofort aufzustehen. Dafür sorgte eine sehr moralische Erziehung, die letztlich mit Prügeln unterstrichen wurde. Während Kinder heute keine Verlierer sein wollen, wollten wir keine unhöflichen „Stoffel“ sein. Diese wurden kollektiv verachtet.

Ich bin aber sicher, dass Rücksichtnahme auch auf freundliche Weise und ohne Abwertungen gelehrt werden kann, doch dies erfordert Zeit, Geduld und Mühe. Um sich in der Familie diese Mühe und die damit verbundenen Konflikte zu ersparen, wird die Erziehung zu sozialem Verhalten auf Kindergarten und Schule verschoben. Professionelle PädagogInnen sollen sie leisten, Erzieherinnen in der Kita, Lehrkräfte in den Schulen. Doch die sind überfordert, all das Versäumte nachzuholen, bei viel zu vielen Kindern gleichzeitig. Bei dem Lärm von so vielen Kindern, die nicht wissen, wie Leise-Reden geht, weil nie jemand mit ihnen Flüstern geübt hat, können sie sich selbst oft auch nur durch Schreien Gehör verschaffen, sind also nicht unbedingt Vorbild für freundliches, friedliches, ruhiges Zusammenleben.

Ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass für das Verlorengehen von Rücksichtnahme im öffentlichen Raum und ihre Folgen neben der Verschlechterung des gesamtgesellschaftlichen Klimas durch Sozialabbau und Wettbewerbsdruck auch falsche Weichenstellungen der Frauenbewegung verantwortlich sind. Und da meine Kritik daran nicht laut genug war – sie beschränkte sich auf Äußerungen in Vorträgen und Büchern mit geringer Auflage –, kann auch ich mich nicht ganz von der Verantwortung dafür frei sprechen.

Zum einen wurden „ritterliches“ und „Gentleman“-Verhalten abgelehnt, weil es als Heuchelei erlebt wurde und außerdem eine Vorstellung von Frauen als Schwache und Hilfsbedürftige unterstrich, das mit der Realität dessen, was viele von ihnen täglich leisten mussten, nichts zu tun hatte. Im Emanzipations- und Gleichstellungsdenken mussten die Frauen ja zeigen, dass sie in allem genauso (gut, stark, klug) waren wie Männer, dass sie also ihren Koffer selbst ins Gepäcknetz heben und ihre Reifen selbst wechseln konnten. Hilfsbereite Männer mussten nun damit rechnen, eine unfreundliche Abfuhr zu bekommen. Hätten wir Feministinnen damals erkannt und offensiv vertreten, dass Gentleman-Verhalten eine kostbare zivilisatorische Leistung war, ein Stück männliche „Anpassung“ an traditionell Frauen zugeschriebene Verhaltensweisen, die das Zusammenleben für alle schöner und leichter machten, hätten diese Verhaltensweisen von der Geschlechterfestlegung befreit und weiter erhalten bleiben können. Ich helfe gern anderen in den Mantel, auch Männern, und halte gern Türen auf.

Die andere falsche Weichenstellung habe ich schon erwähnt, die Anpassung der Mädchenerziehung an die ehemalige Jungenerziehung. In Kinderbüchern und Kindersendungen im Fernsehen, aber auch in hochgelobten Filmen für Erwachsene wurden nun die „bösen Mädchen, die überall hinkommen“ als Vorbild hingestellt. Mit fragwürdigem Erfolg: Auch wenn die weibliche Kriminalitätsrate immer noch viel niedriger ist als die männliche, ist sie in den letzten Jahrzehnten doch deutlich gestiegen. Wäre stattdessen die Jungenerziehung an die ehemalige Mädchenerziehung angepasst worden, indem auch sie zu achtsamem Verhalten gegenüber Menschen und Dingen angehalten worden wären, wozu Mithilfe bei der Haus- und Familienarbeit ein gutes Übungsfeld ist, wäre unser heutiges Zusammenleben im öffentlichen Raum wohl friedlicher und freundlicher. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, den vollständigen Verlust der Kultur der Rücksichtnahme noch zu verhindern.

Warum denn dieses große Wort „Kulturverlust“?

Die Diskussion über meine bisherigen Blogposts zum Thema „Kulturverlust im öffentlichen Raum“ fand leider nicht hier, sondern hauptsächlich auf Facebook und in persönlichen Gesprächen statt. Während inhaltlich viel Zustimmung und auch wichtige Ergänzungen kamen (siehe meine zusammenfassenden Kommentare zu den letzten beiden Blogposts), wurde mehrmals die Frage gestellt, warum ich von „Kulturverlust“ spreche. Man könne es doch auch als „Kulturveränderung“ bezeichnen, wenn im öffentlichen Raum beispielsweise nicht mehr gegrüßt und keine Rücksicht mehr aufeinander genommen würde. Auch sei „Kulturverlust“ so ein großes Wort. Ich antwortete, es sei natürlich Absicht, dass ich dieses “große” Wort “Kulturverlust” gerade auch für den Verlust von scheinbar so unbedeutenden kulturellen Errungenschaften wie dem Grüßen verwende. Von Kulturverlust spreche ich dann, wenn bestimmte Verhaltensweisen, die über viele Generationen tradiert worden sind, nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden, weil man sich dagegen entscheidet oder das zu mühsam findet. In diesem Sinne wäre Nicht-Grüßen, weil man es nicht gelernt hat, keine andere Kultur, sondern eine verloren gegangene Kultur.

Mehrmals wurde auch darauf hingewiesen, dass diese Kulturvermittlung ja auch mit sehr viel Zwang stattgefunden hatte, und dass der Abschied von auf diese Art vermittelten sozialen Verhaltensweisen auch als Befreiung empfunden werde, als eine Veränderung, die es heute neu und positiv mit zu gestalten gelte. Eine Kommentatorin hielt es jedoch für problematisch, dass bei dem Veränderungsprozess die Kritik am Alten lange im Vordergrund stand, während der Aufbau von etwas Neuem vernachlässigt wurde.

Eigentlich hatte meine Entscheidung, meine Beobachtungen und Erlebnisse unter dem Begriff „Kulturverlust“ zusammenzufassen, aber noch einen anderen Hintergrund. Es sollte mein Diskussionsbeitrag in der Auseinandersetzung mit PEGIDA sein, einer plötzlich auftretenden, erschreckend großen Bewegung vor allem in Großstädten der ehemaligen DDR, die vorgab, die europäische KULTUR, die “Kultur des Abendlandes” gegen eine Überfremdung durch außereuropäische Einflüsse beschützen zu wollen. Inzwischen ist deutlich geworden, wie stark diese Bewegung von Nazis beeinflusst, manipuliert und vielleicht sogar initiiert wurde, was ja auch von Anfang an durch Begriffe wie „Lügenpresse“ und menschenverachtende Äußerungen über MigrantInnen und AsylantInnen zu erkennen war. Trotzdem wollte ich mich der Anti-Pegida-Bewegung nicht anschließen, die ihrerseits die PEGIDA-DemonstrantInnen als dumm abqualifizierte, sich über sie lustig machte und forderte, sich von SympathisantInnen dieser Bewegung im eigenen Umfeld loszusagen. Ich hab was gegen Frontenbildung in jeder Form. Trotz offensichtlicher Nazi-Unterwanderung interessierte mich, was so viele Menschen dazu brachte, bei solchen Demonstrationen mitzumachen. Und mir fiel dazu eine Erfahrung ein, die ich vor einigen Jahren in einem Regionalzug zwischen Leipzig und Chemnitz gemacht hatte:

Obwohl der Zug sehr voll war, war es im Wagen ruhig. Die Menschen unterhielten sich leise, schliefen, viele lasen. Das Gepäck wurde nicht auf Nebensitze gestellt oder im Gang stehen gelassen, sondern in die Gepäcknetze gehoben, wobei junge Männer manchmal halfen. Niemand stellte die Schuhe am Polster des gegenüberliegenden Sitzes auf oder warf einfach den eigenen Müll auf den Boden, der Wagen wirkte auch längst nicht so verwahrlost, wie dies oft bei Regionalzügen im Westen der Fall ist. Ich schaute mich im Wagen um und stellte fest, dass offensichtlich nur Deutsche mitfuhren. Für einen Moment brachte ich beides in einen Zusammenhang: Ein angenehmes Miteinander im öffentlichen Raum und keine Menschen aus anderen Ländern. Könnte es nicht sein, dass die PEGIDA-Demonstranten einen ähnlichen Denkfehler machen? Dass sie die mangelnde Rücksichtnahme im Zusammenleben, die sie im Westen oder bei Zuwanderern aus dem Westen erleben, das, was ich hier unter dem Stichwort „Kulturverlust“ beschreibe, mit der Anwesenheit von MigrantInnen erklären, obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat? Denn wie ich im letzten Sommer bei einer Radtour in den östlichen Bundesländern beobachten konnte, ist der Kulturverlust hinsichtlich eines guten Zusammenlebens im öffentlichen Raum dort noch weit weniger verbreitet. Schließlich begann das Nicht-Mehr-Weitergeben bestimmter sozialer Errungenschaften wie Rücksichtnahme und Sich-an-Regeln-Halten im Westen schon mit der antiautoritären Bewegung, (bei der ich selbst aktiv mitmachte!), also Ende der Sechzigerjahre, während im Osten auch nach der Wende noch lange an bestimmten sozialen Verhaltensweisen festgehalten wurde, die sich dort im Zusammenhang mit dem Sozialismus herausgebildet hatten und die zweifellos auch mit viel moralischem Druck von einer Generation an die nächste weitergegeben worden waren. Wie ich letzten Sommer feststellte, sind diese gemeinschaftsorientierten Verhaltensweisen wohl dauerhafter als äußere Einflüsse, die kapitalistische Wirtschaft, der Einfluss der aus dem Westen Zugezogenen und das, was – vor allem in Kindersendungen des Fernsehens und in vielen Filmen – an antisozialem Verhalten propagiert wird, mit dem angeblichen Ziel, Freiheit und Selbstbestimmung der Kinder zu fördern.

Bemerkenswert an den PEGIDA-Demonstrationen finde ich übrigens auch die in der Aussage „Wir sind das Volk“ zum Ausdruck kommende Vorstellung von Demokratie, die ja nichts mit dem parlamentarischen System zu tun hat, das wir in Deutschland haben, wo zahlreiche Hürden aufgebaut worden sind, die einen direkten Einfluss des „Volkes“ unmöglich machen. (In der Schweiz sind diese Hürden niedriger, was ja wohl eine zweischneidige Sache ist, wenn man an die Abstimmung „gegen Masseneinwanderung“ denkt). Der Gedanke, wenn „das Volk“ in den östlichen Bundesländern entscheide, dass es nicht mit MigrantInnen zusammenleben wolle, müsse das von den Regierenden akzeptiert werden, führte mich zu der Frage, ob denn „das Volk“ im Westen von den Sechzigerjahren an gewählt hat, mit den Menschen aus anderen Ländern, die zunächst als Gastarbeiter kamen, zusammenzuleben. Und das würde ich eindeutig verneinen. Es war eine Entscheidung der Wirtschaft, diese Menschen ins Land zu holen, und „das Volk“ musste lernen, sich damit zu arrangieren. An vielen Stellen geschah das äußerst widerwillig, was den Zuwanderern das Leben hier nicht gerade erleichterte.

Was mich bei den riesigen Anti-Pegida-Demonstrationen wirklich gefreut hat, waren die positiven Aussagen zum Zusammenleben mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen. Beispielsweise gab es in meiner Zeitung eine große Anzeige der Freiburger Universitätsklinik mit einer Weltkarte, auf der die 118 Länder markiert waren, aus denen die Mitarbeitenden dieser Klinik kommen. Hier ist in den westlichen Bundesländern eine wirklich großartige kulturelle Leistung vollbracht worden, und zwar nicht von staatlicher Seite, sondern eben genau vom „Volk“, von den sogenannten kleinen Leuten: an den Arbeitsplätzen, in der Nachbarschaft, in Kindergärten und Schulen, in kirchlichen Einrichtungen, in Vereinen, mit sehr viel, wahrscheinlich sogar überwiegend ehrenamtlicher Arbeit, vor allem auch von Frauen. Ich weiß noch, wie mühsam es für mich als Grund- und Hauptschullehrerin war, ohne Reduzierung der Klassengröße oder die Gewährung von Zusatzstunden mit Klassen von Kindern zu arbeiten, die aus ca. 13 Nationen kamen und oft noch kaum Deutsch konnten. Das war nur möglich durch viel zusätzliche „Freiwilligenarbeit“, beispielsweise zahlreiche Elternbesuche. Und heute ist es ja bei der „Willkommenskultur“ für Asylanten nicht anders. Es sind Kreise von ehrenamtlichen HelferInnen, die die Integrationsarbeit leisten, während staatliche Stellen ihnen manchmal eher noch in den Rücken fallen. Und nach wie vor soll der Deutschunterricht für die MigrantInnen am liebsten als Gratisarbeit geleistet werden.

Bei einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Anliegen der PEGIDA-DemonstrantInnen, die die Menschen, die sich dieser Bewegung angeschlossen haben, nicht von Vornherein als rassistisch diffamiert, könnte der Denkfehler, der von ihnen vielleicht als Unbehagen erlebte Kulturverlust im öffentlichen Raum sei eine Folge der Migration, bei einigen von ihnen vielleicht aufgelöst werden. Und auch die Erinnerung an die mangelnde Begeisterung, mit der die MigrantInnen damals im Westen empfangen wurden, könnte helfen, sich auf ein Gespräch mit ihnen einzulassen, in dem die Rollen nicht von Vornherein in Gut und Böse festgelegt sind.

 

Kulturverlust im öffentlichen Raum 1: Grüßen

Während Begrüßungen unter FreundInnen und Verwandten in den letzten 15 bis 20 Jahren herzlicher geworden sind – hier sind erfreulicherweise inzwischen Umarmungen oder zumindest Luft- oder Wangenküsse üblich – ist die Kultur, einander auch dann zu grüßen, wenn man sich kaum oder gar nicht persönlich kennt, immer mehr am Schwinden. In den Städten liegt das natürlich daran, dass es einfach zu viele Menschen sind, denen wir auf unseren Wegen begegnen, doch auch dort wäre es durchaus möglich, die Menschen zu grüßen, denen wir öfter begegnen, z.B. im Haus, in der Nachbarschaft oder an der Bushaltestelle, oder ihnen zumindest zuzunicken oder zuzulächeln. Gerade wenn ich fremden Menschen, weil es sehr voll ist, körperlich näher kommen muss, als es meinem Bedürfnis entspricht, beispielsweise in einem Bus oder auch im Kino, ertrage ich das sofort leichter, wenn ich mit „Hallo“ oder ein paar Worten Kontakt gemacht habe, und dann reagiere ich auch bei Drängelei und Rempeleien eher mit Humor als mit Aggression.

In meinem kleinen Dorf konnte ich in den letzten 15 Jahren zuschauen, wie die Kultur des Einander-Grüßens verlorenging. Während ich erfreut und überrascht war, dass so gut wie alle Menschen einander grüßten, als ich in dieses Dorf zog, sind es inzwischen immer mehr Bewohner, vor allem in den Neubauvierteln, die diesen Brauch nicht mehr übernommen haben. Und im ganzen Dorf sind es vor allem die Kinder, die nicht mehr gelernt haben, wie Grüßen geht. Sie reagieren befremdet und ratlos, wenn ich sie grüße, weil sie gar nicht wissen, was sie damit machen sollen. Wenn ich mit Eltern aus der Nachbarschaft manchmal ein paar Worte wechsle, stehen die Kinder daneben, als gehe es sie nichts an, was die Erwachsenen da tun. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sie sich wohl dabei fühlen.

Mit dem Grüßen bekunde ich ein wohlwollendes Wahrnehmen anderer Menschen. Wenn Menschen einander grüßen, zeigen sie, dass sie aufeinander achten, dass sie einander achten. Wo ich gegrüßt werde, fühle ich mich mehr zuhause als dort, wo Menschen einander ignorieren, und ich habe auch ein größeres Sicherheitsgefühl. Das Grüßen ist eine Hilfe, um die Scheu zu überwinden, mit anderen in Kontakt zu treten, ein einfaches und niederschwelliges Kontakteröffnungsritual. Nach Wikipedia geht das Verb „grüßen“ auf das westgermanische „grotjan“ zurück, das „zum Reden bringen, sprechen machen“ bedeutet. Das gefällt mir sehr gut, denn es ist wohl das Wichtigste am Grüßen, dass es nach einem Gruß leichter fällt, miteinander zu sprechen. Bei neuen Nachbarn, die nicht grüßen und auch deutlich signalisieren, dass sie das nicht wollen, ist es viel schwieriger, auch einmal etwas anzusprechen, was unter Nachbarn halt geregelt werden muss, um Hilfe zu bitten oder gar einen Konflikt anzugehen.

Wo es möglich ist, miteinander zu sprechen, ist es zudem wahrscheinlicher, dass wir Konflikte ohne Gewalt lösen können. Denn Gewalt – so Hannah Arendt – „ist eigentlich die einzige Art menschlichen Handelns, die definitionsgemäß stumm ist; sie wird weder durch Worte vermittelt, noch arbeitet sie mit Worten. Bei allen anderen Arten politischer oder nicht-politischer Tätigkeit handeln wir in der Sprache, und unser Reden ist Handeln“ (H. Arendt, Zwischen Vergangenheit und Zukunft, München 1994, S. 315). Hierzu fallen mir zwei Beispiele ein: Als ich letzten Sommer einen Termin bei einer Physiotherapeutin hatte und spät dran war, machte ich mein Rad an einer Stange vor deren Nachbarhaus fest, weil ich auf die Schnelle nichts anderes fand, wo ich mein Rad anschließen konnte. Eine Stunde später sah ich, dass jemand an meinem Rad die Luft herausgelassen hatte, auch die Ventildeckel waren weg. Ich war ziemlich sicher, dass hier die Nachbarn „gesprochen“ hatten, die sich wahrscheinlich schon öfter geärgert hatten, dass vor der Praxis kein eigener Fahrradbügel zur Verfügung gestellt wurde. Das zweite Beispiel stand vor Kurzem in der Zeitung: Nachdem es geschneit hatte, malte eine junge Frau mit dem Finger Herzen in den Schnee auf die Autodächer, an denen sie vorbei kam. Ohne etwas zu sagen, kam ein Mann auf sie zu und schlug sie.

Natürlich kann auch das Grüßen wie wohl jede kulturelle Errungenschaft für anderes genutzt werden als dafür, den Menschen das Zusammenleben zu erleichtern. Ich denke dabei nicht nur an den Zwang in totalitären Staaten, auf eine bestimmte Weise zu grüßen, um sich mit dieser Staatsform oder ihrem Führer einverstanden zu erklären, sondern auch an die Bedeutung des Grüßens, um Hierarchien zu bestätigen. Als Kind bekam ich großen Ärger, als ich einmal meinen Klassenlehrer auf der Straße nicht grüßte, weil ich der Meinung war, das sei nicht notwendig, da ich ihn kurz zuvor in der Schule schon gegrüßt hatte. Im Rahmen einer Prügelerziehung war natürlich auch das Erlernen des Grüßens mit Zwang verbunden. Andere zu grüßen war in diesem Kontext kein freies Geschenk mehr, kein freiwilliges Zum-Ausdruck-Bringen von Wohlwollen und Wertschätzung, sondern hier war streng geregelt, wer wen zuerst und auf welche Weise grüßen musste, wie früher an den Fürstenhöfen und dann beim Militär. Um die Unterwerfung oder die Überhöhung des zu Grüßenden zu verstärken, lernten Jungen, eine Verbeugung – einen „Diener“ – zu machen, Mädchen verkleinerten sich durch einen „Knicks“. Wahrscheinlich ist auch der Gruß „Grüß (dich) Gott“ eine Form, sich selbst klein zu machen, im Sinne von: „Mein Gruß ist nichts wert, aber ich wünsche dir, dass Gott dich stattdessen grüßt“.

Wo das Grüßen erzwungen und streng geregelt wurde, verkam es zu einer toten Form. Sicher ist das der Grund, warum etwa von 1968 an offensichtlich immer mehr Eltern entschieden haben, es ihren Kindern nicht mehr beizubringen. Dabei verschwand zwar das formale, inhaltsleere und erzwungene Grüßen, doch gleichzeitig leider auch das, was an dieser Kultur sinnvoll und erhaltenswert war.

Wenn im öffentlichen Raum immer weniger gegrüßt wird, wird der Gegensatz zwischen Fülle, Wärme und Glück im Privaten und der Kargheit im öffentlichen Raum größer. Das trifft vor allem die Menschen, die allein leben, die vielleicht auch keine Arbeit haben oder die in ihren privaten Beziehungen unglücklich sind. Sie erleben schließlich nirgends mehr, dass sie von anderen wahrgenommen werden, dass ihnen Wohlwollen entgegengebracht wird, dass sie geachtet sind und dazugehören.

 

 

Kulturverlust

Ich wohne in einem kleinen Dorf in Großstadtnähe, mit einem dörflich-konservativen Kern und vorstadtähnlichen Siedlungen drum herum. Als wir vor 15 Jahren hierherzogen, fiel mir sofort positiv auf, dass die Menschen sich noch fast alle grüßten. Inzwischen tun das nur noch die älteren Leute. Die nach uns Zugezogenen haben diese Form niederschwelliger Kontaktaufnahme nicht mehr übernommen, und den meisten in dieser Zeit großgewordenen Kindern wurde sie nicht mehr beigebracht, auch nicht von den Eltern, die nach wie vor selbst grüßen. (Damit Kinder das Grüßen lernen, müssen sie sehr oft dazu aufgefordert werden, was ziemlich mühsam ist). Während die Menschen in unserer Straße sich zu Beginn noch alle mit Namen kannten und Neuzugezogene sich den anderen vorstellten, habe ich heute mit einigen noch kein Wort gewechselt und weiß noch nicht einmal die Namen der inzwischen geborenen Kinder. Für mich ist das ein Beispiel für Kulturverlust im öffentlichen Raum, denn Grüßen und Sich-Vorstellen in der Nachbarschaft macht das Zusammenleben leichter und erfreulicher und erhöht damit das Wohlbefinden im Wohnungsumfeld. Bei meinen in den letzten Jahren dazugekommenen Nachbarn – überwiegend jungen Familien – habe ich den Eindruck, dass sie daran keinerlei Interesse haben.

 

Vor ein paar Tagen ging ich in meinem Dorf auf einem nicht sehr breiten Fußweg am Bach entlang zum Briefkasten. Da kamen mir drei etwa siebenjährige Kinder entgegen. Sie gingen nebeneinander und reagierten überhaupt nicht darauf, dass ich ihnen entgegenkam. Obwohl ich so weit wie möglich nach rechts auswich, prallte das Mädchen am Rand recht heftig gegen mich. Relativ freundlich belehrte ich die Kinder, sie müssten schon zur Seite gehen, wenn ihnen jemand entgegenkomme. Als sie weit genug entfernt waren, um vor eventuellen Reaktionen meinerseits sicher zu sein, drehten sich die drei nochmals um, und eines brüllte: „Geh du doch auf die Seite!“

Es geht mir hier nicht in erster Linie um die Respektlosigkeit der Kinder gegenüber einer alten Frau – obwohl das auch eine große Veränderung gegenüber der Zeit meines Aufwachsens darstellt –, sondern um den Verlust der bis vor wenigen Jahrzehnten geltenden Selbstverständlichkeit, anderen auf der Straße auszuweichen, Schwächeren den Vortritt zu lassen, anderen die Tür aufzuhalten und dergleichen, also insgesamt aufeinander Rücksicht zu nehmen, überhaupt andere Menschen im öffentlichen Raum wahrzunehmen und das eigene Verhalten entsprechend anzupassen.

Vor einigen Jahren sah ich bei einem Urlaub in einer türkischen Großstadt nach vielen Beinahe-Zusammenstößen schließlich das, worauf ich schon gewartet hatte: Auf einem Platz stießen zwei Männer heftig zusammen, weil keiner von seinem geraden Weg abwich. Ich überlegte damals, ob die von mir dort beobachtete Häufung solcher Situationen vielleicht etwas mit einer anderen geschichtlichen Entwicklung der Kultur des öffentlichen Raums zu tun haben könnte, der in muslimischen Ländern mit starker Geschlechtertrennung viel länger ausschließlich Männern vorbehalten war als in christlich geprägten patriarchalen Gesellschaften. Wenn Männer, Frauen und Kinder sich den öffentlichen Raum gleichberechtigt teilen müssen – so dachte ich –, ist die Entstehung einer Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme wahrscheinlich naheliegender. Ich dachte an die christliche Ritterkultur und das Ideal der Ritterlichkeit, an moralische Erzählungen, beispielsweise an Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel, die wir in der Grundschule gelesen und nachgespielt hatten, wobei wir Kinder uns einig waren, wie dumm die Protagonisten dieser Geschichten waren, von denen keiner ausweichen und nachgeben wollte. Ich dachte auch an den lange selbstverständlichen Grundsatz „Frauen und Kinder zuerst (… und der Kapitän zuletzt“) bei Rettungsaktionen sowie an das „Gentleman“-Ideal. Über viele Generationen wurde eine durch solche Ideale geprägte, als europäisch geltende Kultur weitergegeben und musste bei jeder Generation immer wieder neu vermittelt und eingeübt werden. Inzwischen hat sich innerhalb von ein bis zwei Generationen bei uns mehr und mehr das Verhalten durchgesetzt, „cool“ seinen Weg fortzusetzen und auf keinen Fall auszuweichen, weil man ja schließlich kein „Opfer“ sein will. Und wenn fast niemand mehr ausweicht oder einem auch mal den Vortritt lässt, kommt man sich irgendwann dumm vor, es weiterhin zu tun. So nimmt rücksichtsloses Verhalten schnell überhand. Als ich vor einigen Jahren mit einer im Rollstuhl sitzenden Freundin in der Münchner Innenstadt unterwegs war, belehrte sie mich gleich zu Beginn, auf keinen Fall auszuweichen, sonst komme man mit dem Rolli nicht voran. Und ich war entsetzt, weil tatsächlich kaum jemand auf uns achtete oder gar Rücksicht nahm. Dieser Kulturverlust hat nichts mit äußeren Einflüssen zu tun, er ist „selbstgemacht“. Doch es besteht die Gefahr, dass für das undeutliche Gefühl, hier sei etwas Wesentliches dabei, vollends verloren zu gehen, nach äußeren Sündenböcken gesucht wird. Auf das Ideal der „Coolness“ und den Hintergrund für seine Entstehung werde ich in einem späteren Blogpost noch eingehen.

 

Auf dem oben erwähnten Fußweg am Bach entlang, der deutlich mit einem Fußgängergebotsschild gekennzeichnet ist, fahren inzwischen immer mehr Radfahrer ohne jegliches Unrechtsbewusstsein, d.h., sie fahren nicht etwa defensiv, sondern klingeln schon von weitem und erwarten, dass Fußgänger auf die Seite springen. Auch auf schmalen Wanderwegen ist das inzwischen üblich, obwohl das Radfahren dort (noch) verboten ist. Sogar auf städtischen Gehwegen fahren die inzwischen erwachsen Gewordenen ebenso rücksichtslos wie früher auf ihren Kinderrädern und erwarten ebenso wie damals, dass ihnen Platz gemacht wird. Manchmal sage ich dann: „Das ist hier kein Radweg“. Einmal bekam ich von einem ca. 40jährigen Mann die Antwort: „Halt’s Maul!“ und ein anderer aus derselben Altersgruppe, der mich und eine andere Frau beinahe umfuhr, antwortete auf unseren Protest, wir seien doch nur frustrierte alte Weiber und sollten uns nicht aufregen, es sei ja nichts passiert. Die meisten antworten allerdings freundlich: „Ja, ich weiß“, oder „Ja, ja!“ – und fahren in unverminderter Geschwindigkeit weiter. Das geschah einmal sogar an einer Engstelle, vor der ich eine ganze Weile warten musste, bis der Radfahrer sich durchgeschlängelt hatte. Auch dann fuhr er ungeniert auf dem Fußgängerweg weiter, obwohl er leicht auf die Straße hätte wechseln können.

Dass es ebenfalls ein Kulturverlust ist, der nicht nur die Sicherheit gefährdet, sondern auch das Zusammenleben erschwert, wenn Menschen sich nicht mehr an Regeln halten, fällt mir erst in letzter Zeit so richtig auf – und das nicht nur im Straßenverkehr. Es ist noch nicht so lange her, dass auch ich manche Regeln „sportlich“ übertrat und Spaß daran hatte. Und als einst Mitwirkende an der antiautoritären Bewegung gab es auch Zeiten, in denen mir sogar der Slogan „Legal, illegal, scheißegal“ Spaß machte. Erst jetzt merke ich, wie schnell manche Selbstverständlichkeiten verloren gehen, wenn Regeln nicht mehr beachtet werden, und wie anstrengend dadurch beispielsweise die Fortbewegung im öffentlichen Raum wird, vor allem für ältere Leute. So einfache Regeln, wie rechts aneinander vorbeizugehen oder dem fließenden Verkehr den Vortritt zu lassen, wenn man aus einer Einfahrt oder einem Hauseingang kommt, funktionieren plötzlich nicht mehr, was nicht nur gefährlich ist, sondern auch Aggressionen erzeugt, vor allem bei denen, die sich noch an Regeln halten und das von anderen ebenfalls erwarten.

 

Diese drei Bereiche von Kulturverlust, über die ich in nächster Zeit schreiben möchte, hängen insofern miteinander zusammen, als sie sich darauf auswirken, wie sich Menschen im öffentlichen Raum begegnen, wie sie einander wahrnehmen und einander Respekt und Wertschätzung entgegenbringen oder eben auch nicht. Wenn die Stimmung auf den Straßen und Plätzen unfreundlicher und tendenziell gewalttätiger wird, ist das etwas sehr Politisches, lange bevor es zu großen Demonstrationen oder anderen Ereignissen kommt, durch die mit Schrecken festgestellt wird, dass etwas gründlich schief gelaufen sein muss, obwohl scheinbar niemand etwas davon gemerkt hat.

Gutes Leben und die Liebe zum öffentlichen Raum

Eine frühere Nachbarin von mir, die mit fast 80 immer noch wissenschaftlich arbeitete und Veranstaltungen leitete, sah ich vor etwa 15 Jahren öfter auf meinem Weg in die Stadt am Straßenrand oder auf dem Grünstreifen in der Mitte Müll auflesen, den sie dann auf ihrem Fahrrad-Gepäckträger nach Hause brachte und dort entsorgte. Ich fand ihr Verhalten damals lächerlich und peinlich, niemals hätte ich sie in dieser Situation angesprochen oder ihr gar geholfen. Vor allem hielt ich ihre Reinigungsversuche für komplett sinnlos. Hätte sie versucht, den Vorplatz vor unserem Wohnblock oder die angrenzenden Grünflächen auf diese Weise sauber zu halten, hätte ich noch Verständnis dafür gehabt. Leider habe ich sie nie danach gefragt, warum sie das tat.

Letzten Sommer sah ich, wie eine ebenfalls etwa 80-jährige Frau am Straßenrand in einer öffentlichen Anlage verblühte Blüten abpflückte, und freute mich einfach nur darüber. Hätte ich es nicht eilig gehabt, hätte ich mir sogar vorstellen können, ihr dabei zu helfen. Nun denke ich darüber nach, ob das Bedürfnis nach Schönheit in einem öffentlichen Bereich, den man täglich durchquert, und die Bereitschaft, etwas dafür zu tun, vielleicht etwas mit dem Älterwerden zu tun hat. Und ob vielleicht auch die Wertschätzung für den öffentlichen Raum und seine Gestaltung erst dann spürbar und sichtbar werden kann, wenn er mehr wird als ein Bereich, den man nur schnell hinter sich bringt, um von der Wohnung zur Arbeit und von der Arbeit zur Wohnung zu kommen.

Vor der Zeit meiner Berufstätigkeit, als Schülerin und als Studentin, war mir der öffentliche Raum ebenfalls sehr wichtig. Bei Reisen in große Städte fand ich die Orte, „wo etwas los war“, wo sich junge Leute trafen, viel interessanter als die zu besichtigenden Sehenswürdigkeiten. Ich freute mich über Plätze und Parks, wo ganz viele unterschiedliche Menschen und Menschengruppen sich frei bewegen konnten und wo viel mehr erlaubt war, als ich von meinem kleinstädtischen Umfeld gewohnt war. Damals kämpften wir an unseren Studienorten eher gegen Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum, wir ärgerten uns über alte Leute, die daran Anstoß nahmen, wenn wir uns einfach auf dem Pflaster niederließen oder wenn wir uns in der Öffentlichkeit küssten, kämpften aber auch – vergeblich ­– gegen Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr und gegen Gesetze, die uns demokratische Mitgestaltungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum der Hochschule entzogen. Ich denke, dass damals meine bis heute andauernde Liebe zum öffentlichen Raum entstanden ist. Es gibt für mich nach wie vor kein besseres Anti-Depressivum, als mich entspannt und ohne Zeitdruck im öffentlichen Raum zu bewegen.

Strukturell sind es zwar junge und alte Leute gleichermaßen, vor und nach dem Aufgefressenwerden durch Berufstätigkeit und Familienpflichten, für die es besonders wichtig sein könnte, sich für gutes Leben und Zusammenleben im öffentlichen Raum einzusetzen, konkret sind sie dort jedoch eher GegnerInnen. Beispielsweise gelang es trotz vieler Versuche „im Guten“ in Freiburg bis heute nicht, den jungen Leuten, die auf den Plätzen der Innenstadt die ganze Nacht lautstark feiern wollen, die Perspektive der Anwohner, die nachts schlafen wollen und müssen, nahe zu bringen. Auf einem Platz wurde z.B. eine „Säule der Toleranz“ aufgestellt, die nachts von einer bestimmten Uhrzeit an die Farbe wechselte. Diese wurde aber schließlich immer weniger beachtet und irgendwann sogar teilweise zerstört. Auch mit Abfällen übersäte Rasenflächen, nachdem dort das bestandene Abitur gefeiert wurde, lassen leider nichts von einer Wertschätzung des öffentlichen Raums erkennen und zeigen, dass die Verachtung von Care-Tätigkeiten und den Menschen, die sie verrichten, auch bei der zukünftigen Elite ungebrochen fortbesteht.

Die Frage nach dem guten Leben im öffentlichen Raum – beziehungsweise nach dem Zustand des öffentlichen Raums als Gradmesser für gutes Leben in einer Stadt oder einem Land – hat mich immer wieder beschäftigt, und zwar um so mehr, je mehr Zeit ich dort verbrachte. So fiel mir bei einem Urlaub an einem norditalienischen See der krasse Gegensatz zwischen der Schönheit und Gepflegtheit privater Gärten und der Hässlichkeit und Verwahrlosung des spärlichen öffentlichen Raums auf. In einer Kleinstadt im Schwarzwald war an breiten Straßen, fehlenden Gehwegen und ewiglangen Rotphasen der wenigen Fußgängerampeln zu erkennen, welcher Blickwinkel im Gemeinderat dominierte und welcher offensichtlich komplett fehlte. Wenn ich von Reisen ins Ausland zurück kam, nicht nur aus muslimischen Ländern, sondern auch aus Frankreich und Italien, war ich besonders dankbar dafür, wie frei ich mich als Frau ohne männliche Begleitung hier im öffentlichen Raum bewegen konnte, ohne belästigt zu werden, oder auch darüber, dass sich überhaupt Frauen im öffentlichen Raum aufhalten. Bei einem Besuch in einer Vorstadt von Lissabon stellte ich fest, dass hier überhaupt niemand zu Fuß unterwegs war. Aus Angst vor Überfällen und Entführungen verließen die Menschen ihr von einer hohen Mauer umgebenes Grundstück nur im Auto. Kinder wurden sogar zu den Freunden in der nächsten Querstraße mit dem Auto gebracht und durften nie allein den eigenen Hof verlassen. Ähnlich erlebte ich es schon Anfang der 70er Jahre in amerikanischen Vorstädten. Hier gab es also außer für ein paar unwissende Touristen und für Autofahrer überhaupt keinen öffentlichen Raum unter freiem Himmel mehr. Sehr bedrückend fand ich es auch, wenn ich – vor allem nach der Wende in Ländern des ehemaligen Ostblocks – den Eindruck hatte, niemand habe Interesse oder sei bereit, mit Fremden Kontakt aufzunehmen, der öffentliche Raum sei also, abgesehen von geschäftlichen Transaktionen, kontaktlos und stumm.

Vor einigen Jahren schrieb ich einen Text darüber, wie sich das Verständnis über das, was als privat und als öffentlich gilt, seit 68er-Bewegung und Frauenbewegung gewandelt hat. Damals hatte ich die Hoffnung, der öffentliche Raum könnte einmal so etwas wie eine große Wohnküche werden, in der viele Verschiedene zusammenkommen, die sich auch für die Gestaltung dieses Raumes verantwortlich fühlen. Heute habe ich eher den Eindruck, dass die gesellschaftliche Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung geht, weg vom Gestalten des öffentlichen Raums, hin zu noch mehr Privatheit und Eigeninteresse. Ich habe lange gezögert, über das zu bloggen, was ich dabei beobachte, denn ich möchte keine der Alten sein, die ständig herumnörgeln, alles werde schlechter und alles werde weniger, und früher sei alles besser gewesen. Doch da ich vom Reisen her weiß, wie unterschiedlich mein Wohlbefinden im öffentlichen Raum sein kann, ist mir auch klar, dass Freiheit und mein Wohlbehagen im öffentlichen Raum auch hier verloren gehen können, ebenso wie der Raum für Politik durch bestimmte Entwicklungen verlorengehen kann. Deshalb plane ich eine kleine Serie von Blogposts über Veränderungen im öffentlichen Raum, die ich mit „Kulturverlust“ überschreiben möchte. Mir ist bewusst, dass dieser Begriff und auch einige meiner Beobachtungen in Zeiten einer plötzlich auftretenden Massenbewegung von Menschen, die den Untergang der Kultur des Abendlandes fürchten, die Gefahr birgt, Zustimmung von der falschen Seite zu bekommen. Doch gerade auch deshalb erscheint es mir wichtig, über meine Beobachtungen und die Sorgen, die sie in mir auslösen, zu schreiben.