Wenn Müll aufsammeln nicht mehr peinlich ist

Als ich noch Lehrerin war, bekam ich auf die Bitte, im Klassenzimmer herumliegenden Müll aufzuheben und in den Papierkorb zu werfen, oft die Antwort: „Das ist nicht von mir“. Und das hieß: „Den Müll von jemand anderem hebe ich nicht auf.“ Es gab auch Kinder, mehr Jungen als Mädchen, die diesen Satz sogar dann sagten, wenn sie genau wussten, dass der Abfall von ihnen selbst stammte, weil sie vorher beim Weitwurf in den Papierkorb daneben gezielt oder die Sachen einfach unter ihrem Tisch fallengelassen hatten. Je nach meiner Stimmung bestand ich darauf, dass sie den Müll trotzdem richtig entsorgten, oder ich hob ihn selbst auf und sagte dazu: „Von mir ist er auch nicht“. Dabei war mir allerdings bewusst, dass ich damit höchstens für manche Mädchen Vorbild sein konnte, denn es war für die Kinder ja normal, dass eine Frau – die Mutter zuhause oder eine Putzfrau – meistens mit großer Selbstverständlichkeit den Dreck anderer wegmachte. Hätten männliche Kollegen ähnlich reagiert wie ich, wäre das sicher wirkungsvoller gewesen, doch diese kümmerten sich damals eher selten um Schönheit und Sauberkeit der Klassenzimmer und Schulhöfe, allenfalls wurde Müllsammeln von ihnen mal als Strafmaßnahme eingesetzt. Den Müll anderer wegzuräumen oder sich überhaupt mit Müll abzugeben galt – besonders für die Jungen ­– als ehrenrührig, es war unter ihrer Würde, sich zu einer so niedrigen Tätigkeit herablassen zu müssen.

Schon als Kind hat es mich geschmerzt, wenn eine schöne Umgebung durch achtloses Wegwerfen von Müll hässlich gemacht wurde. Bis zu den Umweltschutzbewegungen in den 1970-er und 1980-er Jahren war es ja noch ganz normal, dass jeder Ort einen bestimmten Abhang hatte, an dem der gesamte örtliche Hausmüll abgeladen wurde, und mit derselben Selbstverständlichkeit leiteten Industrieanlagen ihre Abwässer in die Flüsse. Da sind wir schon einen weiten Weg gegangen bis zur heutigen Müllentsorgung und Mülltrennung, die allerdings in anderen europäischen Ländern gerade erst in ihren Anfängen steht, was mich angesichts der Regulierungswut europäischer Institutionen in anderen Bereichen schon etwas wundert.

Lange blieb ich dabei stehen, mich über einen vermüllten öffentlichen Raum oder vermüllte Landschaft nur aufzuregen. Als ich vor etwa 25 Jahren eine betagte Nachbarin von mir dabei beobachtete, wie sie auf ihrem Weg in die Stadt mit dem Fahrrad anhielt, um den Müll am Straßenrand aufzusammeln, wirkte das auf mich wie eine Verrücktheit, und es war mir irgendwie peinlich. Ich hätte mir damals allenfalls vorstellen können, bei einer von der Gemeinde organisierten „Bachputzete“ mitzumachen. In der Öffentlichkeit den Müll anderer Leute aufzuheben war wohl auch für mich unter meiner Würde, es sei denn, es geschah im Rahmen einer organisierten Aktion.

Bei meinem letzten Urlaub auf einer landschaftlich sehr schönen Insel hörte ich mich wieder einmal darüber klagen, wie viel Plastikmüll überall herumlag, vor allem auch am Strand, wo wir doch inzwischen wissen, welche Folgen es hat, wenn das Meer voller Plastikmüll ist. Und da konnte ich meine Klagen und mein Schmerzlich-Berührt-Sein plötzlich nicht mehr ertragen. Ich fing damit an ­– zunächst noch etwas verschämt – bei jedem Strandspaziergang Plastikmüll einzusammeln. Natürlich war das „ein Tropfen auf den heißen Stein“, aber mir ging es damit besser als mit meinem vorheriges Schimpfen und Klagen.

Vor ein paar Tagen habe ich mich sehr über einen Artikel in meiner Zeitung gefreut. Da wurde von einem, dem Foto nach, etwa vierzigjährigen Mann berichtet, der in seiner Freizeit bis zu drei Stunden täglich Müll aufsammelt, in den Straßen seines jeweiligen Wohnortes. Das sei doch besser, als vor dem Fernseher oder dem Computer zu sitzen, meint er dazu. Zufällig traf er beim Sammeln einmal den Bürgermeister seines neuen Wohnortes, der ziemlich erstaunt auf seine Tätigkeit reagierte. Der Müllsammler „fühlte sich peinlich ertappt“ und begann sich zu rechtfertigen. Doch der Bürgermeister war natürlich begeistert und sorgte dafür, dass diese Aktion samt der von der Gemeinde inzwischen gespendeten Müllsammelausstattung – Warnweste, Plastikhandschuhe, Zange – publik gemacht wurde.

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3 Kommentare zu “Wenn Müll aufsammeln nicht mehr peinlich ist

  1. Meine Reisegefährtin machte mich nach dem Lesen meines Posts auf etwas aufmerksam, das ich vergessen hatte. Ich hatte mein Verhalten am Strand nämlich gar nicht nur aus mir selbst heraus verändert, vom Schimpfen und Klagen zum Etwas-Tun. Sie hatte mir am Tag davor von einem jungen Mann erzählt, den sie am Strand beim Aufsammeln von Müll beobachtet hatte. Damit wird die Geschichte noch schöner, finde ich. Sie zeigt nämlich, dass solche Vorbilder tatsächlich Veränderung bewirken können, indem die Selbstverständlichkeit ihres Handelns anderen die Angst vor der Peinlichkeit nimmt.

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