Böses mit Gutem überwinden?

Seit zweitausend Jahren versucht das Christentum uns einzureden, man könne Böses mit Gutem überwinden. Vielleicht wurde im Namen der christlichen Religion auch deshalb so viel Böses getan, weil diese Predigt innerhalb der eigenen Reihen als Beißhemmung gewirkt hat, so dass die Skrupellosen und Machtgierigen es leicht hatten, sich durchzusetzen. Und diese griffen dann wieder zu den Methoden, die genauso wenig gegen das Böse helfen: es mit noch mehr Bösem überwinden zu wollen. Als ich hörte, dass die evangelische Kirche in Deutschland für das kommende Jahr den Satz vom Überwinden des Bösen durch Gutes als Jahreslosung gewählt hat, bin ich so richtig wütend geworden. Ich dachte nämlich an eine fromme Freundin, die seit einem Jahr von ihren Kolleginnen gemobbt wird und es einfach nicht schafft, sich vernünftig zu wehren, notfalls auch mithilfe ihrer Vorgesetzten, trotz Therapie und vieler ermutigender Gespräche. Und ich dachte an eine andere Bekannte, die in einer solchen Situation versucht hat, die Kolleginnen zu besänftigen, indem sie für alle Kuchen mitbrachte, was mit noch mehr Häme beantwortet wurde.

Um Kuchen geht es auch in der Geschichte, mit der Christine Nöstlinger schon Kindern weismachen will, dass es hilft, jemandem etwas Gutes zu tun, der einen schlecht behandelt. In den „schönsten Geschichten vom Franz“ erzählt sie, wie Franz, einer der Kleinsten in der Klasse, von Eberhard, einem großen, dicken Jungen, ständig getriezt, herumgeschubst und gedemütigt wird. Da ihm die Ratschläge seiner Eltern und seines großen Bruders, der beinahe ebenso unfreundlich mit ihm umgeht, dem er aber immer wieder verzeiht, nicht weiterhelfen, fragt er die Studentin, die ihn nachmittags betreut, um Rat. Diese spricht Eberhard an, als die Kinder aus der Schule kommen, und tut so, als sei sie total begeistert von ihm, da er sie an ihren kleinen Bruder erinnere, (den es nicht wirklich gibt). Sie lädt ihn dann zum Kaffeetrinken ein und lässt ihn einen ganzen Pflaumenkuchen aufessen. Franz, der sich bei der Nachbarin und Mutter seiner besten Freundin darüber beklagt, bekommt von dieser Frau zum Trost deren Kuchen vorgesetzt, der sowieso noch besser schmeckt. Am nächsten Tag erklärt Eberhard in der Schule, der Franz stehe ab jetzt unter seinem besonderen Schutz, und wer ihn schlecht behandle, bekomme es mit ihm zu tun.

Ich halte es für unverantwortlich, Kindern so etwas als Problemlösung anzubieten. Und ich halte es auch für unverantwortlich, wenn die Kirche in einer Jahreslosung dazu auffordert, Böses mit Gutem zu überwinden. Mir haben gegen die diesbezügliche Beeinflussung Texte der italienischen Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ geholfen, besonders einer, den ich für die Onlinezeitung beziehungsweise-weiterdenken übersetzt habe. In diesem Text warnt die Autorin davor, Böses mit Gutem heilen zu wollen. Denn das Böse ernähre sich von dem Guten, das man ihm anbiete. Ich glaube, dass sie damit Recht hat, viele meiner Erfahrungen und Beobachtungen sprechen jedenfalls dafür. Wenn wir uns davon befreit haben, das Böse mit Gutem überwinden zu wollen, und auch vom Gegenteil nichts halten, sind wir frei, unsere ganze Kreativität einzusetzen, um nach anderen Lösungen zu suchen. In dem genannten Artikel „Fluchen, beten, nicht fragen“ gibt es dazu schon ein paar gute Ideen.

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Glücklich machen geht nicht

Als ich neulich mit dem Rad zur Arbeit fuhr, wobei mir immer ziemlich viel durch den Kopf geht, fiel mir auf, dass meine Partnerin und ich gerade beide glücklich waren. Dabei verblüffte mich die Erkenntnis, dass unser jeweiliges Glücklichsein überhaupt nichts mit der anderen und mit unserer Liebe füreinander zu tun hatte: Ich hatte gerade ein Buch gut zu Ende gebracht, von dem ich in den zwei Jahren, in denen ich daran arbeitete, nicht einmal mir selbst gegenüber hatte erklären können, warum ich so viel Mühe hineinsteckte. Meiner Partnerin war es ein paar Tage lang gelungen, sich neben der Arbeit her ausreichend Freiraum für ihr künstlerisches Schaffen zu nehmen.

Als ich über meine Entdeckung nachdachte, begriff ich, dass die Vorstellung, wir könnten einander glücklich machen – in der Partnerschaft, in der Familie, aber auch in unserem politischen Engagement für andere – nicht nur falsch ist, sondern oft unserem Glück und dem der anderen sogar im Weg steht. Der Satz „Ich will dich glücklich machen“ oder gar „Ich werde dich glücklich machen“, der in Filmen, Büchern oder Liedern bei mir immer noch Rührung auslöst, sollte vielleicht in Zukunft in einem Spam-Filter hängen bleiben, damit er keinen weiteren Schaden anrichtet. (Die Idee mit dem Spam-Filter stammt von meinem Pfarrer, der ihn einsetzen wollte, um den Gedanken von der Allmacht Gottes herauszufiltern. Und tatsächlich sehe ich zwischen beiden Vorstellungen, der vom Glücklichmachen und der vom allmächtigen Gott, eine Parallele).

Natürlich wünschen wir uns, wenn wir lieben, dass die geliebte Person glücklich ist. Und wir möchten zu ihrem Glück beitragen, indem wir ihr eine Freude machen, sie unterstützen, ihr Materielles, Zeit, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und – in einer Liebesbeziehung – auch sexuelle Erfüllung schenken. Doch der Gedanke, wir müssten sie damit glücklich machen, macht uns kränkbar, wenn unser Geschenk dies nicht bewirkt, und macht unser Gegenüber unfrei, dies einzugestehen. Wir fühlen uns vielleicht schuldig und verlieren unser Selbstvertrauen, weil wir meinen, nicht richtig lieben zu können, vielleicht auch nicht „die Richtige“ für unser Gegenüber zu sein. Möglicherweise reagieren wir sogar mit Eifersucht auf die Menschen und Dinge, die unser Gegenüber glücklich machen, weil wir finden, dass nur wir oder wir in erster Linie, dazu in der Lage sein sollten. Wenn unser Gegenüber diese Ansicht teilt und schließlich nur noch partnerschaftlich ausgelöstes Glück zulässt, ist der erste Schritt getan, dass unser Leben langweilig wird und wir miteinander so richtig unglücklich werden.

Die Erwartung, jemand müsste uns glücklich machen – dem Liebes- oder Ehepartner gegenüber, zwischen Kindern und Eltern, manchmal auch einer Institution, einer Staatsform oder Gott gegenüber – richtet ebenfalls nur Schaden an. Sie führt zu Enttäuschungen, zu Vorwürfen und Kränkungen. Und, was noch schlimmer ist: Wenn wir anderen die Verantwortung für unser Glücklichsein zuschieben, halten wir uns selbst davon ab, uns um unser Glück zu kümmern, also zunächst einmal das wahrzunehmen und beiseite zu räumen, was unserem Glück ganz offensichtlich im Weg steht. Und das könnte auch die Vorstellung sein, wir müssten andere glücklich machen.

An dieser Stelle meines Gedankengangs erinnerte ich mich daran, warum mir die Präambel zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung so gut gefällt: Alle Menschen seien mit (dem Recht auf) Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück ausgestattet, heißt es da. Und die Aufgabe des Staates, also der Politik, sei es, dies zu schützen. Also dafür zu sorgen, dass dem Leben, der Freiheit und dem Streben der Menschen nach Glück nichts im Weg steht, vor allem auch nicht der Staat selbst.

Warum so etwas Einfaches politisch so schwer umzusetzen ist, verstehe ich sofort, wenn ich daran denke, wie schwer es sogar in einer liebenden Partnerschaft fällt, einander den Raum zu lassen, damit jede nach ihrer eigenen Fasson selig werden kann, und wie lange ich selbst gebraucht habe, um das zu lernen. Hätte ich schon früher begriffen, dass Glücklichmachen nicht möglich und überhaupt nicht meine Aufgabe ist, wäre mir das wahrscheinlich etwas leichter gefallen.