Warum denn dieses große Wort „Kulturverlust“?

Die Diskussion über meine bisherigen Blogposts zum Thema „Kulturverlust im öffentlichen Raum“ fand leider nicht hier, sondern hauptsächlich auf Facebook und in persönlichen Gesprächen statt. Während inhaltlich viel Zustimmung und auch wichtige Ergänzungen kamen (siehe meine zusammenfassenden Kommentare zu den letzten beiden Blogposts), wurde mehrmals die Frage gestellt, warum ich von „Kulturverlust“ spreche. Man könne es doch auch als „Kulturveränderung“ bezeichnen, wenn im öffentlichen Raum beispielsweise nicht mehr gegrüßt und keine Rücksicht mehr aufeinander genommen würde. Auch sei „Kulturverlust“ so ein großes Wort. Ich antwortete, es sei natürlich Absicht, dass ich dieses „große“ Wort „Kulturverlust“ gerade auch für den Verlust von scheinbar so unbedeutenden kulturellen Errungenschaften wie dem Grüßen verwende. Von Kulturverlust spreche ich dann, wenn bestimmte Verhaltensweisen, die über viele Generationen tradiert worden sind, nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden, weil man sich dagegen entscheidet oder das zu mühsam findet. In diesem Sinne wäre Nicht-Grüßen, weil man es nicht gelernt hat, keine andere Kultur, sondern eine verloren gegangene Kultur.

Mehrmals wurde auch darauf hingewiesen, dass diese Kulturvermittlung ja auch mit sehr viel Zwang stattgefunden hatte, und dass der Abschied von auf diese Art vermittelten sozialen Verhaltensweisen auch als Befreiung empfunden werde, als eine Veränderung, die es heute neu und positiv mit zu gestalten gelte. Eine Kommentatorin hielt es jedoch für problematisch, dass bei dem Veränderungsprozess die Kritik am Alten lange im Vordergrund stand, während der Aufbau von etwas Neuem vernachlässigt wurde.

Eigentlich hatte meine Entscheidung, meine Beobachtungen und Erlebnisse unter dem Begriff „Kulturverlust“ zusammenzufassen, aber noch einen anderen Hintergrund. Es sollte mein Diskussionsbeitrag in der Auseinandersetzung mit PEGIDA sein, einer plötzlich auftretenden, erschreckend großen Bewegung vor allem in Großstädten der ehemaligen DDR, die vorgab, die europäische KULTUR, die „Kultur des Abendlandes“ gegen eine Überfremdung durch außereuropäische Einflüsse beschützen zu wollen. Inzwischen ist deutlich geworden, wie stark diese Bewegung von Nazis beeinflusst, manipuliert und vielleicht sogar initiiert wurde, was ja auch von Anfang an durch Begriffe wie „Lügenpresse“ und menschenverachtende Äußerungen über MigrantInnen und AsylantInnen zu erkennen war. Trotzdem wollte ich mich der Anti-Pegida-Bewegung nicht anschließen, die ihrerseits die PEGIDA-DemonstrantInnen als dumm abqualifizierte, sich über sie lustig machte und forderte, sich von SympathisantInnen dieser Bewegung im eigenen Umfeld loszusagen. Ich hab was gegen Frontenbildung in jeder Form. Trotz offensichtlicher Nazi-Unterwanderung interessierte mich, was so viele Menschen dazu brachte, bei solchen Demonstrationen mitzumachen. Und mir fiel dazu eine Erfahrung ein, die ich vor einigen Jahren in einem Regionalzug zwischen Leipzig und Chemnitz gemacht hatte:

Obwohl der Zug sehr voll war, war es im Wagen ruhig. Die Menschen unterhielten sich leise, schliefen, viele lasen. Das Gepäck wurde nicht auf Nebensitze gestellt oder im Gang stehen gelassen, sondern in die Gepäcknetze gehoben, wobei junge Männer manchmal halfen. Niemand stellte die Schuhe am Polster des gegenüberliegenden Sitzes auf oder warf einfach den eigenen Müll auf den Boden, der Wagen wirkte auch längst nicht so verwahrlost, wie dies oft bei Regionalzügen im Westen der Fall ist. Ich schaute mich im Wagen um und stellte fest, dass offensichtlich nur Deutsche mitfuhren. Für einen Moment brachte ich beides in einen Zusammenhang: Ein angenehmes Miteinander im öffentlichen Raum und keine Menschen aus anderen Ländern. Könnte es nicht sein, dass die PEGIDA-Demonstranten einen ähnlichen Denkfehler machen? Dass sie die mangelnde Rücksichtnahme im Zusammenleben, die sie im Westen oder bei Zuwanderern aus dem Westen erleben, das, was ich hier unter dem Stichwort „Kulturverlust“ beschreibe, mit der Anwesenheit von MigrantInnen erklären, obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat? Denn wie ich im letzten Sommer bei einer Radtour in den östlichen Bundesländern beobachten konnte, ist der Kulturverlust hinsichtlich eines guten Zusammenlebens im öffentlichen Raum dort noch weit weniger verbreitet. Schließlich begann das Nicht-Mehr-Weitergeben bestimmter sozialer Errungenschaften wie Rücksichtnahme und Sich-an-Regeln-Halten im Westen schon mit der antiautoritären Bewegung, (bei der ich selbst aktiv mitmachte!), also Ende der Sechzigerjahre, während im Osten auch nach der Wende noch lange an bestimmten sozialen Verhaltensweisen festgehalten wurde, die sich dort im Zusammenhang mit dem Sozialismus herausgebildet hatten und die zweifellos auch mit viel moralischem Druck von einer Generation an die nächste weitergegeben worden waren. Wie ich letzten Sommer feststellte, sind diese gemeinschaftsorientierten Verhaltensweisen wohl dauerhafter als äußere Einflüsse, die kapitalistische Wirtschaft, der Einfluss der aus dem Westen Zugezogenen und das, was – vor allem in Kindersendungen des Fernsehens und in vielen Filmen – an antisozialem Verhalten propagiert wird, mit dem angeblichen Ziel, Freiheit und Selbstbestimmung der Kinder zu fördern.

Bemerkenswert an den PEGIDA-Demonstrationen finde ich übrigens auch die in der Aussage „Wir sind das Volk“ zum Ausdruck kommende Vorstellung von Demokratie, die ja nichts mit dem parlamentarischen System zu tun hat, das wir in Deutschland haben, wo zahlreiche Hürden aufgebaut worden sind, die einen direkten Einfluss des „Volkes“ unmöglich machen. (In der Schweiz sind diese Hürden niedriger, was ja wohl eine zweischneidige Sache ist, wenn man an die Abstimmung „gegen Masseneinwanderung“ denkt). Der Gedanke, wenn „das Volk“ in den östlichen Bundesländern entscheide, dass es nicht mit MigrantInnen zusammenleben wolle, müsse das von den Regierenden akzeptiert werden, führte mich zu der Frage, ob denn „das Volk“ im Westen von den Sechzigerjahren an gewählt hat, mit den Menschen aus anderen Ländern, die zunächst als Gastarbeiter kamen, zusammenzuleben. Und das würde ich eindeutig verneinen. Es war eine Entscheidung der Wirtschaft, diese Menschen ins Land zu holen, und „das Volk“ musste lernen, sich damit zu arrangieren. An vielen Stellen geschah das äußerst widerwillig, was den Zuwanderern das Leben hier nicht gerade erleichterte.

Was mich bei den riesigen Anti-Pegida-Demonstrationen wirklich gefreut hat, waren die positiven Aussagen zum Zusammenleben mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen. Beispielsweise gab es in meiner Zeitung eine große Anzeige der Freiburger Universitätsklinik mit einer Weltkarte, auf der die 118 Länder markiert waren, aus denen die Mitarbeitenden dieser Klinik kommen. Hier ist in den westlichen Bundesländern eine wirklich großartige kulturelle Leistung vollbracht worden, und zwar nicht von staatlicher Seite, sondern eben genau vom „Volk“, von den sogenannten kleinen Leuten: an den Arbeitsplätzen, in der Nachbarschaft, in Kindergärten und Schulen, in kirchlichen Einrichtungen, in Vereinen, mit sehr viel, wahrscheinlich sogar überwiegend ehrenamtlicher Arbeit, vor allem auch von Frauen. Ich weiß noch, wie mühsam es für mich als Grund- und Hauptschullehrerin war, ohne Reduzierung der Klassengröße oder die Gewährung von Zusatzstunden mit Klassen von Kindern zu arbeiten, die aus ca. 13 Nationen kamen und oft noch kaum Deutsch konnten. Das war nur möglich durch viel zusätzliche „Freiwilligenarbeit“, beispielsweise zahlreiche Elternbesuche. Und heute ist es ja bei der „Willkommenskultur“ für Asylanten nicht anders. Es sind Kreise von ehrenamtlichen HelferInnen, die die Integrationsarbeit leisten, während staatliche Stellen ihnen manchmal eher noch in den Rücken fallen. Und nach wie vor soll der Deutschunterricht für die MigrantInnen am liebsten als Gratisarbeit geleistet werden.

Bei einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Anliegen der PEGIDA-DemonstrantInnen, die die Menschen, die sich dieser Bewegung angeschlossen haben, nicht von Vornherein als rassistisch diffamiert, könnte der Denkfehler, der von ihnen vielleicht als Unbehagen erlebte Kulturverlust im öffentlichen Raum sei eine Folge der Migration, bei einigen von ihnen vielleicht aufgelöst werden. Und auch die Erinnerung an die mangelnde Begeisterung, mit der die MigrantInnen damals im Westen empfangen wurden, könnte helfen, sich auf ein Gespräch mit ihnen einzulassen, in dem die Rollen nicht von Vornherein in Gut und Böse festgelegt sind.