Primäre Politik

Letzte Woche fuhr ich mal wieder mit der Straßenbahn zur Arbeit. Unterwegs kam es an einer Haltestelle zu einer Verzögerung der Weiterfahrt: Zwei ältere Frauen stiegen vorn bei der Fahrerin ein. Die eine schluchzte laut, die andere erklärte in gebrochenem Deutsch der Fahrerin, was geschehen war. Ihre Begleiterin hatte gerade in der Straßenbahn in Gegenrichtung ihre Handtasche mit allen Papieren und Wertsachen  liegenlassen. Die Straßenbahnfahrerin verständigte über Funk den Fahrer der anderen Straßenbahn, dieser machte eine Lautsprecherdurchsage, die Tasche wurde gefunden. Unsere Fahrerin erklärte den Frauen noch genau, wann die Bahn an der Haltestelle eintreffen würde und welche Nummer sie hatte. Die Sprecherin der beiden Frauen bedankte sich bei ihr und wandte sich dann an uns Fahrgäste, um sich wegen der Verzögerung zu entschuldigen. Erst nachdem beide ausgestiegen waren, legte sie tröstend den Arm um ihre immer noch weinende Begleiterin, die vielleicht noch gar nicht verstanden hatte, dass das Problem bereits gelöst war.

Für mich ist dieses Erlebnis ein schönes Beispiel für das, was die italienische Journalistin Marina Terragni in einem Artikel als „primäre Politik“ bezeichnet hat. Primäre Politik heißt für mich, das in einer bestimmten Situation Notwendige zu tun (oder zuzulassen), um ein gutes Zusammenleben zu ermöglichen. Es auch dann zu tun, wenn es die normalen Abläufe stört, wenn es vielleicht peinlich ist – mir wäre es bestimmt schwer gefallen, mit einer laut schluchzenden Begleiterin eine vollbesetzte Straßenbahn zu betreten.  Es auch dann zu tun, wenn es einem Ärger einbringen kann – die Fahrerin riskierte, ihren Fahrplan nicht einhalten zu können, auch die Fahrgäste hätten wegen der Verzögerung verärgert reagieren oder dadurch selbst Ärger bekommen können. Und all dies in Kauf zu nehmen, obwohl es gut sein kann, dass man mit seinem Handeln keinen Erfolg hat: Unsere Fahrerin hätte die Frauen abweisen können, jemand in der anderen Straßenbahn hätte die Tasche schon an sich genommen haben können, um sie zu stehlen.

Es könnte sein, dass viele Frauen deshalb kein Interesse haben, in der sekundären Politik mitzumischen oder in Führungspositionen aufzusteigen, weil es ihnen viel wichtiger ist, in ihrer direkten Umgebung für ein gutes Zusammenleben der Menschen und für Wohlbefinden sorgen zu können. Die sekundäre Politik, die ja von den meisten Menschen als die eigentliche Politik wahrgenommen wird und sich auch selbst so sieht und darstellt, gibt zwar auch vor, für das gute Zusammenleben der Menschen sorgen zu wollen, doch dies gelingt ihr eher wenig, manchmal bewirkt sie sogar das Gegenteil. Nach einer Schätzung der Philosophin Luisa Muraro brauchen Menschen in Machtpositionen etwa vier Fünftel ihrer Zeit und Energie für die Macht selbst, für Aktivitäten, die mit ihrer Erhaltung und Vermehrung zu tun haben, nur ein Fünftel bleibt für die eigentlichen politischen Aufgaben übrig.

Ich bin trotzdem froh, dass auch Menschen, die nicht so sehr an der Macht  interessiert sind – und das sind mehr Frauen als Männer – das Opfer bringen, in der sekundären Politik mitzuarbeiten. Denn diese kann, wenn sie gut ist, gute Bedingungen für die primäre Politik schaffen, und das sehe ich als ihre eigentliche Aufgabe an. Sie kann aber primäre Politik auch erschweren oder behindern. Erschweren, wenn es ihr nicht gelingt, Korruption, Krisen oder gar Kriege zu verhindern, so dass primäre Politik trotz Aufbietung aller Kräfte nur noch Elend mildern und kein gutes Leben mehr schaffen kann. Behindern, indem sie Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzt oder durch massive Ungerechtigkeiten den Boden dafür bereitet. Im schlimmsten Fall, wie wir sie unter der Hitlerdiktatur hatten, können Menschen sich nur noch unter Lebensgefahr für ein gutes Zusammenleben mit ihren Nachbarn oder Arbeitskollegen einsetzen, beispielsweise mit Behinderten, Juden oder Kriegsgefangenen. Primäre Politik, sie zu tun oder auch nur zuzulassen, wird dann zu einer Heldentat. Auch in unseren Zeiten und in unserem Land mit seinen recht guten Bedingungen kann primäre Politik lebensgefährlich sein und Heldenmut erfordern, beispielsweise wenn jemand versucht, Gewalt mehrerer gegen Wehrlose zu verhindern und dann selbst angegriffen wird.

Doch meistens ist primäre Politik so unspektakulär wie mein Straßenbahnbeispiel und trotzdem beeindruckend und schön und grundlegend wichtig für uns alle.

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