Was nicht vom Kapitalismus geregelt wird

Vor einigen Jahren hing ein riesiges Plakat am Freiburger Theater, mit dem für eine Veranstaltungsserie geworben wurde: „Gibt es eine Alternative zum Kapitalismus?“ Als ich es las, dachte ich spontan: „Ja klar, die Welt der Gabe zum Beispiel!“ Denn ich hatte gerade entdeckt, dass die Gabe nach einer ganz anderen Logik funktioniert als der Tausch von Waren und Dienstleistungen. Doch sofort kamen mir Zweifel und ich merkte, dass die Frage am Theater falsch gestellt war. Sobald ich nämlich aus dem Gabegeschehen oder aus etwas anderem, beispielsweise der Subsistenzwirtschaft, eine Alternative zum Kapitalismus machen möchte, bekommt diese Charakterzüge, die mir nicht wünschenswert erscheinen, schon in der Vorstellung verbinde ich damit etwas Unfreies und Dogmatisches. Was ich über reine bzw. überwiegende Gabegesellschaften gelesen habe, in denen die Pflicht zum Geben und der gesellschaftliche Druck, ihr nachzukommen, eine große Rolle spielen, finde ich als Gesellschaftsmodell nicht erstrebenswert, dafür ist mir die Freiheit beim Schenken zu wichtig. Und die habe ich nur, wenn es auch den Tausch gibt. Doch vom Tausch zur kapitalistischen Gewinnmaximierung um jeden Preis ist der Weg nun mal nicht weit, oder?

Alternativen sind einander ausschließende Gegensätze. Wenn wir in Alternativen denken, werden wir zum einen dem Leben nicht gerecht, in dem es keine reinen Alternativen gibt, sondern eher ein „Sowohl – als auch“ oder ein „Mehr-das-eine-als-das-andere“, zum anderen binden wir uns im Gegensatzdenken an das, zu dem wir eine Alternative suchen, wodurch neue, ganz andere Ideen keine Chance haben. Und da wir ständig mit dem beschäftigt sind, gegen das wir uns abgrenzen und wozu wir einen Gegensatz bilden wollen, tauchen merkwürdigerweise schließlich auch in unserer „Alternative“ Dinge auf, die wir mit ihr bekämpfen wollten. Ich wollte beispielsweise eine ganz andere Lehrerin sein als mein Vater, der sehr streng war und vor dem wir alle Angst hatten. So wurde ich eine Lehrerin, vor der niemand Angst haben musste, und ich war sehr stolz darauf, wenn Eltern mir bestätigten, dass ihre Kinder im Gegensatz zu früher nun ohne Angst in die Schule gingen. Da ich aber so sehr an mein alternatives Verhaltensmodell gebunden war, um jeden Preis anders sein zu müssen als mein Vater, hatte ich keinen Raum und keine Freiheit für neue Ideen und Lernerfahrungen. So gelang es mir nicht sehr gut, mich einer Klasse gegenüber durchzusetzen. Nun hatte ich Angst vor der Schule. Und weil ich mich so überfordert fühlte, geschah es schon bald, dass ich mich in der Klasse brüllen hörte wie einst meinen Vater, worüber ich natürlich sehr erschrak.

Ich denke, dass mit dem Sozialismus etwas Ähnliches passiert ist. In dem Maße, wie er sich als Alternative zum Kapitalismus, als alles Bürgerliche und Kapitalistische ausschließenden Gegensatz dazu verstand, überlebten immer weniger Ideen aus der ursprünglichen Vielfalt sozialistischen und sozialdemokratischen Denkens und den Erfahrungen der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung. Wie sehr sich sozialistische Gesellschaftssysteme schließlich im Wettbewerb der Systeme hinsichtlich Menschenverachtung, Ausbeutung und Unterdrückung der kapitalistischen „Alternative“ annäherten, ist ja ausreichend dokumentiert, gerade habe ich beispielsweise in Swetlana Alexijewitschs Buch Secondhandzeit darüber gelesen.

Doch immer wieder ist zu hören, dass es nach dem Untergang des Sozialismus keine Alternative mehr zum Kapitalismus gebe, weshalb er sich jetzt in seiner ganzen Raubtierhaftigkeit und Bösartigkeit zeigen und sich immer weiter ausbreiten könne. Und dass er aus diesem Grund auch niemals mehr untergehen könne.

In einem Text der Diotima-Philosophin Diana Sartori, den ich für die Onlinezeitschrift beziehungsweise-weiterdenken zusammengefasst habe, fand ich einen Vorschlag, der uns zu der Erkenntnis verhelfen könnte, dass der Kapitalismus in Wirklichkeit nicht so allumfassend ist, wie er dargestellt wird und wie wir ihn oft erleben. Sie schreibt, er fülle in Wirklichkeit nicht den ganzen Raum aus, auch wenn er ein unaufhörlicher Prozess von Ausbeutung und Privatisierung sei, in dem er das, was sich noch außerhalb seines Zugriffs befinde, weiter zu kolonisieren versuche, um auch daraus Gewinn zu ziehen. Doch parasitär kann nur etwas leben, wenn es darunter oder daneben noch etwas anderes gibt, das ausgesaugt werden kann. Feministische Studien, die Ökonomie radikal neu denken, kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Kapitalismus nur eine partielle und sekundäre Dimension der Wirtschaft sei. In ihren Büchern The End of Capitalism (as wie knew it) und A Postcapitalist Politics von J.K. Gibson-Graham schlagen die Autorinnen eine Praxis vor, um die anderen Dimensionen der Wirtschaft wahrnehmen und stärken zu können. Wir sollen uns die Frage stellen: „Wie viele Dinge meines Lebens werden wirklich vom Kapitalismus geordnet und geregelt? Und welche Teile sind es dagegen nicht und sind es auch nie gewesen?“

Als ich das ausprobierte, wurde mir schnell klar, dass es nicht darum gehen konnte, Bereiche zu finden, die unabhängig von kapitalistischer Wirtschaft sind. Wenn ich kein Auto habe und mit dem Fahrrad fahre, ist ja mein Rad trotzdem etwas, das unter kapitalistischen Bedingungen hergestellt wurde. Wenn ich meine Kleidung auf dem Flohmarkt kaufe, heißt das ja nicht, dass sie nicht auch einmal unter brutal ausbeuterischen Bedingungen in Bangladesch genäht worden ist. Und wenn ich unbezahlt Texte veröffentliche, die mir wichtig sind, brauche ich ja trotzdem einen Computer und Geld für meinen Lebensunterhalt. Aber wenn ich einen Lieblingspullover zum fünften Mal stopfe, auch wenn sich das überhaupt nicht „rechnet“, oder wenn ich eine Zucchinipflanze in meinem Garten monatelang aufpäppele, um dann vielleicht ein paar Früchte zu ernten, während Zucchini gerade im Supermarkt fast nichts kosten, wenn mir Qualität in allem mehr bedeutet als Quantität, wenn mir meine Beziehungen wichtiger sind als mein Profit, dann bewege ich mich in einer anderen Logik, die nicht vom Kapitalismus geordnet und geregelt wird.

Mit meiner Suche stehe ich erst am Anfang. Ich wünsche mir, dass sich andere auch auf die Suche nach dem machen, was außer dem Kapitalismus noch in unserem Wirtschaftsleben vorhanden und wirksam ist – und hier in den Kommentaren etwas über ihre Erfahrungen schreiben.

“Genug”

Von Caroline Krüger wurde der Begriff „genug“ vor mehr als zwei Jahren in unsere Vor-Gespräche zum ABC des guten Lebens eingebracht. Ich merkte sofort, dass das “Genug” etwas mit mir und meinem Begehren zu tun hat. Wie ich das immer mache, probierte ich die Möglichkeiten dieses Begriffes von mir selbst ausgehend aus und experimentierte damit: beim Essen, beim Umgang mit Zeit, bei Tätigkeiten und beim Konsum, beim Schenken und vor allem bei der Arbeit, die ich verschenke. So entdeckte ich das „Genug“ als wunderbaren persönlichen Maßstab, der mir erlaubte, immer in der Perspektive der Fülle zu verbleiben und trotzdem sinnvolle Grenzen zu setzen, die meinem Wohlergehen förderlich waren. Was mich aber ebenso sehr interessierte, war die Frage, ob das „Genug“ auch ein politischer Maßstab werden könnte, der – ohne Fülle, Schönheit, Freiheit, Genuss, Differenz und weitere ABC-Begriffe außer Acht zu lassen und ohne allen Moralismus – zur Begrenzung von technologisch-wirtschaftlich-gesellschaftlichen Entwicklungen führen könnte, die einem „guten Leben für alle“ schaden bzw. es verhindern. Mir war klar, dass ich daran im Gespräch mit anderen weiterarbeiten wollte. Ein Internetlink zu Ivan Illichs Buch „Selbstbegrenzung“ machte mich darauf aufmerksam, dass dieser Denker sich auch schon mit diesem Thema beschäftigt hat. Ich fand, dass einige seiner Überlegungen für eine politische Auseinandersetzung mit dem „Genug“ hilfreich sein könnten.

In meinem Workshop bei der Denkumenta 2013 wollte ich dann mit anderen zusammen an diesem Thema weiterdenken. Zu Beginn trugen wir in einigen Runden Statements zu einem „dankbaren“, „sehnsuchtsvollen“ und einem „abgrenzenden“ Genug zusammen anhand der vorgegebenen Satzanfänge:

 

- Ich bin dankbar, dass ich genug …  habe

- Ich freue mich, wenn ich genug …

- Mir geht es gut, wenn ich genug …

 

- Ich möchte endlich mal genug …  haben

- Ich wünsche mir genug …

- Ich sehne mich danach, genug … zu haben

 

- Davon hab ich genug, dass …

- Mir reicht es jetzt mit …

 

Wie ich es von italienischen Philosophinnen gelernt habe, gingen wir von dem aus, was wir schon haben, und von unserer Sehnsucht, vom Reichtum unseres Begehrens. Nicht von dem, was uns fehlt, vom Mangel. Beim abgrenzenden Genug ging es um ein Zuviel, das dem guten Leben schadet. Und damit lag der Schwerpunkt auch mehr auf dem guten Leben für alle als auf einem Kampf gegen das Zuviel.

Über vieles, was wir als ein Zuviel empfinden, sind wir uns schnell einig, beispielsweise Kriege, Rüstungsproduktion, Atomkraftwerke, Ressourcen- und Lebensmittelverschwendung, Zeitdruck, Arbeitsüberlastung usw., die Frage ist nur, wie diese Dinge begrenzt werden könnten und was wir dafür tun (und lassen) können oder wollen.

Ivan Illichs „Pamphlete“ aus den 1970-er Jahren richteten sich gegen ein Zuviel an etwas, von dem sich alle oder doch die meisten damals einig waren, dass es etwas Gutes ist und dass wir überall auf der Welt immer mehr davon brauchen. Vor allem wandte er sich gegen zu viel Beschulung und Expertentum, zu viel Medizin und Lebensverlängerung um jeden Preis, gegen immer höhere Geschwindigkeiten, gegen Sozialarbeit und Institutionen generell. Heute gäbe es vielleicht einen weitgehenden Konsens, dass wir überall auf der Welt immer mehr Arbeitsplätze und Energie brauchen, gegen den er sich möglicherweise stark machen würde. Illich kam zu seinen Einsichten, weil er die Welt außer aus deutsch-österreichisch-US-amerikanischer Sicht auch aus der Perspektive der Bevölkerung von Puerto Rico und vor allem von Mexico betrachtete, wo er zeitweise lebte.

Auf Englisch heißt Illichs Titel „Tools für conviviality“, ist also positiv formuliert, nicht so negativ und nach Moralismus riechend wie „Selbstbegrenzung“.

„Tools“ ist bei ihm ein sehr weit gefasster Begriff und schließt alles mit ein, was Menschen erfunden haben, „um sich fortzubewegen oder zu verweilen, als Heilmittel für Krankheiten, an Wegen und Mitteln zur Verständigung und zur Versorgung mit Lebensmitteln“. „Tools“ sind also auch Institutionen. Nach Illich gibt es bösartige Wucherungen dieser „Tools“, die einmal Fortschritt bedeutet haben, dann aber durch Experten- und Spezialistentum plus Machtkonzentration dazu führten, dass Menschen die Freiheit genommen wurde, das selbst zu tun, was sie selbst tun könnten, und sie in Arbeit und Konsum zu Sklaven der „Tools“ wurden. Menschen haben beispielsweise die Fähigkeit, „zu heilen, zu trösten, sich zu bewegen, ihre Häuser zu bauen und ihre Toten zu begraben“, schreibt Illich. Es gehe darum, in politischen Prozessen darauf hinzuarbeiten, Tools zu begrenzen, um wieder zu einer Balance zu kommen.

„Werkzeuge“, „Tools“, sind dann convivial, wenn sie dem guten Zusammenleben dienen, wenn sie uns die Freiheit lassen, sie in Anspruch zu nehmen oder auch nicht, ohne dass das Benachteiligung, Ächtung oder Abwertung nach sich zieht.

Eine conviviale Gesellschaft gewährleistet den Einzelnen freien Zugang zu den Werkzeugen, diese Freiheit wird nur um der Freiheit der anderen willen eingeschränkt. Conviviales Leben und Zusammenleben ist gekennzeichnet durch eine disziplinierte, schöpferisch-spielerische Leichtigkeit, durch eine feine Ausgewogenheit zwischen dem, was Menschen für sich selbst tun können und dem, was Werkzeuge im Dienste anonymer Institutionen für sie tun können. Eine Erhöhung des Innovationstempos ist nämlich nur sinnvoll, wenn gleichermaßen für Verwurzelung in der Tradition gesorgt, wenn eigene Lebensinhalte und Geborgenheitsgefühle gestärkt werden. Für Illich ist ein Ausschluss schädlichen Werkzeugs und die Beherrschung des nützlichen die wichtigste Priorität heutiger Politik. Denn „Werkzeuge“ können, wenn ihre Entfaltung nicht politisch begrenzt wird, von Helfern zu Herren und Meistern und schließlich zu Henkern werden.

Von einem radikalen Monopol spricht Illich, wenn in einem Lebensbereich die Freiheit, Dinge selbst zu erschaffen und zu gestalten, ganz verloren gegangen ist. (Beispiele: Tote beweinen und bestatten, Lernen versus institutionalisierter Schulung, Häuser bauen, gesunder Menschenverstand versus wissenschaftlicher Gutachten). Wenn Menschen also ihre ureigene Fähigkeit aufgeben, für sich und andere das zu tun, was sie können, um stattdessen etwas „Besseres“ zu bekommen, was ihnen nur ein wichtiges „Werkzeug“ geben kann.

Die Kosten für die Wucherungen der Tools und für die radikalen Monopole tragen schon jetzt alle Menschen, vor allem auch die, die solche Tools gar nicht brauchen oder gar keinen Zugang dazu haben.

Da nur wenig Zeit blieb, um die Nützlichkeit von Illichs Begriffen an konkreten Fragen aus dem Leben der Workshopteilnehmerinnen zu erproben, meinten diese, sie hätten noch nicht genug und baten um eine Verlängerung. Wir hängten also einen zweiten Workshop an, was sich für mich – und vielleicht auch für einige Teilnehmerinnen – im Nachhinein im Rahmen der Fülle der Tagungsangebote als ein „Zuviel“ herausstellte. Sicher werde ich bei anderer Gelegenheit und in anderen Zusammenhängen weiter über das abgrenzende „Genug“ und Illichs Anregungen dazu diskutieren. Vielleicht gelingt es ja dann, Wege zu einer politischen Begrenzung schädlicher oder ausufernder Tools zu finden.

Wie lebendige Ideen mit bunten Kärtchen totgeschlagen werden

Ich habe es mehrmals selbst erlebt und andere haben mir davon erzählt: In der ersten Phase einer Zukunftswerkstatt oder eines anderen Treffens, bei dem es um die Veränderung einer Einrichtung oder um die Ideenfindung für gesellschaftliche Veränderungsprozesse ging, vielleicht auch um die Formulierung eines Parteiprogramms, sprühte der Raum nur so vor Lebendigkeit, Engagement und Visionen von Neuem. Und am Ende, als die Ergebnisse präsentiert wurden, fragte man sich, wofür man nun den schönen freien Samstag geopfert hatte. Mit großem Getöse hatte mal wieder eine Elefantin eine Maus zur Welt gebracht oder sogar nur ein paar Elefantenköttel, statt eines schönen Schmetterlings war aus einer Raupe wiederum eine Raupe geworden, vielleicht mit ein paar bunten Flecken. Und wenn es dann darum ging, wer die sogenannten neuen Ideen nun umsetzen sollte, breitete sich allgemeine Lustlosigkeit aus.

Warum ich in solchen Situationen jedes Mal großen Widerwillen spürte, wenn die ModeratorInnen die bunten Kärtchen verteilten, die am Ende einer Gruppenarbeitsphase an eine Wand gepinnt werden sollten und die dann im weiteren Prozess immer wieder neu geordnet und mit Überschriften auf anderen bunten Kärtchen versehen werden, ist mir bei unserem diesjährigen Denkwochenende von “Kultur schaffen” klargeworden, eher als Nebenprodukt, denn wir sprachen über ganz andere Themen. In unseren Treffen geht es im Gegensatz zu dem oben Beschriebenen nicht darum, dass am Ende ein Ergebnis oder gar ein Programm herauskommt. Wir denken nur miteinander, ausgehend von dem, was jede von uns aus ihrem Leben in das Gespräch einbringt. Und trotzdem nehmen eigentlich alle jedes Mal viele neue Ideen aus unseren Gesprächen mit, die dann in unserem jeweiligen Alltag und in anderen politischen Projekten wirksam werden.

Dieses Jahr gerieten wir recht schnell in einen ungeheuer intensiven “Flow”, der die meisten von uns so sehr begeisterte, dass wir sogar unsere sonst nach jeder Pause angewandte Praxis “vergaßen”, durch Runden, in denen jede kurz mitteilt, wo sie gerade steht und an welchem Thema sie weiterarbeiten möchte, immer wieder im Denkprozess innezuhalten und quasi einen Schritt zurückzugehen und den Prozess von außen anzuschauen.

Zwei Teilnehmerinnen begründeten ihr Empfinden, nicht so richtig am gemeinsamen Denkprozess teilnehmen zu können, schließlich mit der Kritik, im Gegensatz zu sonst hätten wir uns gar nicht richtig auf ein Thema geeinigt, wir würden nichts richtig auf den Begriff bringen und zu Ende denken, alles sei so unstrukturiert. Uns andere hatte gerade das so fasziniert, dass wir, nachdem wir von einem der Themen ausgegangen waren, die wir nach der Anfangsrunde aufgelistet hatten, ständig Zusammenhänge zwischen den Themen finden konnten,  dass wir also mehrere Themen gleichzeitig mit unserem Denken umkreisten.

Auf die Aussage einer der Kritikerinnen, es habe ihr gefehlt, dass wir das, was wir gemacht hatten, nicht benannt hatten, entgegnete eine andere Teilnehmerin: “Es ist aber vielleicht auch ein Weg, der erst gegangen werden muss, weil erst im Prozess herauskommt, wie man etwas benennen kann.” An dieser Stelle fiel mir meine Erfahrung mit der Zukunftswerkstatt ein. Denn hier wird mithilfe der bunten Kärtchen der lebendige Denkprozess dadurch kastriert, dass man gezwungen wird, etwas zu benennen, es auf einen Begriff zu bringen, wofür die neuen Worte noch gar nicht gefunden worden sind, weil noch nicht lange genug darüber nachgedacht werden konnte. So werden die Ansätze zu neuem Denken, die zu Beginn des Prozesses noch Begeisterung spürbar werden ließen, in alte Begriffe und Strukturen aus der Vergangenheit gepresst, der neue Wein wird in alte Schläuche gefüllt, wie es Jesus in einem biblischen Gleichnis so zutreffend beschrieben hat.

Dazu fiel mir später noch ein, dass die Piratenpartei in den Medien gerade deshalb immer wieder als nicht ernstzunehmendes Phänomen beurteilt wird, weil einige ihrer MitgliederInnen die Entstehung ihres Parteiprogramms einem lebendigen Prozess überlassen wollen und das, was in der Zukunft geschehen soll, nicht vorzeitig mit Begriffen und Programmen benennen wollen. Hoffentlich gelingt es ihnen, bei dieser Haltung zu bleiben.

Warum ich trotzdem für ein Betreuungsgeld bin

Doch, die Sache mit dem Betreuungsgeld ist ein großer gesellschaftlicher Aufreger. Da widerspreche ich meiner Denkfreundin Antje Schrupp. Dass es hier um eine wichtige gesellschaftliche Auseinandersetzung geht, wird schon daran deutlich, dass in der öffentlichen Diskussion darüber von Anfang an mit dem Schimpfwort “Herdprämie” gearbeitet wurde, einem Begriff, der suggeriert, es gäbe eine staatliche Prämie dafür, wenn Frauen “an Haus und Herd zurückkehren”, also das tun, was sich vielleicht manche rückwärts gerichteten patriarchalen Männer für sich selbst wünschen und wovor sich die, denen die Freiheit von Frauen am Herzen liegt, sollte es tatsächlich zu einem breiten gesellschaftlichen Trend werden, zu Recht fürchten müssten. Aber diese Gefahr besteht überhaupt nicht: Denn Frauen wollen mit großer Mehrheit berufstätig sein und Kinder haben, mehr öffentliche Kinderbetreuung wird von Frauen schon seit Jahrzehnten gefordert und ist inzwischen wesentlich mehr akzeptiert als noch vor 20-30 Jahren und die Unternehmen brauchen die gut ausgebildeten jungen Frauen als Arbeitskräfte, (so Antje Schrupps Argumente).

Der witzige Begriff “Windelvoluntariat”, der in der Auseinandersetzung um die Vätermonate beim Elterngeld erfunden wurde, diffamiert im Gegensatz zur “Herdprämie” nicht die Tätigkeit, um die es geht, sondern bezieht sich wirklich auf einen konkreten Aspekt dessen, was Männer in diesen Monaten lernen können: Dass Menschen nicht leben und groß werden können, wenn es nicht andere gibt, die in Zeiten, wo sie das nicht selbst können, dafür sorgen, dass sie nicht in ihrer Scheiße liegen müssen. Und dass Männer diese Erfahrung nun machen, wenn auch nur für kurze Zeit, zusammen mit der Erfahrung, wie anstrengend das Leben mit einem kleinen Kind ist, halte ich für sehr wertvoll im Hinblick auf eine veränderte gesellschaftliche Einstellung zu dem, was immer noch überwiegend Frauen leisten, wenn sie Kinder versorgen und betreuen.

Es ist mir egal, dass vielleicht nur deshalb ein Betreuungsgeld eingeführt werden soll, weil der Ausbau der Kita-Plätze nicht schnell genug voranzutreiben war, um den versprochenen Rechtsanspruch einlösen zu können. Für mich hat die Einführung eines Betreuungsgeldes eine große symbolische Bedeutung, ebenso wie es die Einführung des Elterngelds mit den Vätermonaten hatte. Es geht dabei nämlich nicht in erster Linie um das Geld, das ja sowieso lächerlich wenig ist angesichts dessen, was hier in den Familien für die ganze Gesellschaft geleistet wird. Zumindest wird mit dem öffentlich finanzierten Elterngeld und dem Betreuungsgeld sichtbar gemacht, dass Kinderaufziehen nicht nur Privatvergnügen, sondern eine wichtige gesellschaftliche Tätigkeit ist. (Sogar bei den Diskussionen um ein bedingungsloses Grundeinkommen wird dies immer wieder vergessen). Und wenn es eingeführt ist, kann ja weiter daran gearbeitet werden, dass es verbessert wird, vor allem auch, um der von Antje Schrupp zurecht kritisierten Umverteilung von unten nach oben entgegenzuwirken.

Ja, auch wenn ich mich damit als “Alte-Zeiten-Nostalgikerin” abqualifizieren lassen muss, will ich, dass die Umstellung auf das, was Antje Schrupp die “neuen Zeiten” nennt, verlangsamt wird, bzw. dass die neuen Zeiten anders aussehen. Ich möchte keine Gesellschaft, in der alles darauf ausgerichtet ist, dass möglichst wenig der wirtschaftlichen Verwertbarkeit menschlichen Lebens (als Erwerbstätige und als Konsumenten) im Weg steht. Ich möchte, dass die Frauen, die das wollen, sich – unter guten finanziellen Bedingungen – so viel Zeit für ihre Kinder nehmen können, wie sie möchten. Ich kenne eine Frau – altersmäßig könnte sie meine Tochter sein – die im Leben vor allem als Mutter tätig sein wollte und sich einfach nicht für Erwerbstätigkeit interessiert. (Sie war mal meine Arbeitskollegin, hat es also durchaus ausprobiert). Wenn ihr Partner mitgemacht hätte, hätte sie vermutlich noch mehr Kinder bekommen, weil sie so neugierig war, wie das jeweils nächste Kind sein würde. Ich höre Klagen von erwerbstätigen Frauen, die ihre Kinder vollzeit-kitabetreuen lassen, dass sie so viel vom Aufwachsen ihrer Kinder versäumen. Und ich denke, dass unserer Gesellschaft das Element der Entschleunigung gut tun würde, das dadurch verstärkt werden könnte, dass mehr Menschen die Möglichkeit bekommen, ohne Zeitdruck mit kleinen Kindern zusammen zu sein und von ihrer anderen Zeitlichkeit lernen zu können, anstatt sie an den Mainstreamzeitdruck anpassen zu müssen. Ich weiß, dass Menschen, die gern Hausarbeit machen und die Zeit dafür haben, Kinder ganz anders an die Liebe zu den Dingen heranführen können, zu der auch die Freude am Aufräumen, an der Pflege und am Reparieren von Dingen gehört, was im Hinblick auf eine Ressourcen schonende Zukunftsentwicklung wichtige Kompetenzen sind. Das halte ich in Kitagruppen und Schulklassen für äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der verschiedene Lebensentwürfe möglich sind, je nach dem, was einer Frau oder einem Mann liegt. (Und auch die Kinder sind übrigens nicht alle gleich. Manchen tut es überhaupt nicht gut, dauernd mit anderen zusammen sein zu müssen). Wenn es neben der Möglichkeit der Erwerbstätigkeit mit öffentlicher Kinderbetreuung auch noch eine andere Möglichkeit gibt, die ebenso angesehen ist und ebenso gut honoriert wird, würde mir das besser gefallen als die Anpassung an einen einzigen Lebensentwurf, wohin derzeit der Mainstream-Trend geht. Das war übrigens nicht immer so. In den achtziger Jahren gab es hier in der Mütter- und Ökologiebewegung auch unter “fortschrittlichen” Menschen noch einen starken gegenläufigen Trend.

Das Betreuungsgeld ist, so wie es geplant ist, natürlich nur ein Schrittchen in diese Richtung. Und, ja, es gibt viel daran auszusetzen. Gesellschaftlich unwichtig ist das Thema deshalb aber noch lange nicht.

Eine Gewerkschaft kehrt zur Politik zurück und weiß es nicht

Die IG Metall werbe “mit unorthodoxen Methoden” um neue Mitglieder und habe damit Erfolg, heißt es im Teaser zu einem “Zeit”-Artikel  (Rudzio/Trauthig: “Endlich wieder mehr Genossen”, 06.10.2011, S. 26). Während Parteien, Kirchen und die großen Gewerkschaften seit Jahren unter Auszehrung leiden, gelang der IG Metall “das erste echte Mitgliederplus seit 22 Jahren”. Wie kam es dazu?

Weil sie die Mitgliederfrage zur wichtigsten, “politischsten” Frage der Gewerkschaft erklärt haben – um in den Betrieben wieder “stark” zu werden, gehen Gewerkschafter neuerdings in die Betriebe und reden mit den Menschen dort über die “kleinen, banalen” Themen, die denen am Herzen liegen, beispielsweise über den Wunsch nach einem warmen Mittagessen, die Angst um die Gesundheit, weil man mit gefährlichen Stoffen umgehen muss, oder über die schmutzigen Kopfhörer in einem Callcenter. Für die Gespräche gilt, dass man den Menschen zu 70% zuhören sollte, denn “den Grund, warum Menschen sich bei der IG Metall organisieren, werden wir immer nur bei den Menschen selber finden”. Deshalb sei das Zuhören so wichtig. Und aus den kleinen Anliegen würden sich dann häufig auch größere Ziele entwickeln, sobald die Menschen gemerkt hätten, dass man etwas ändern kann. Die IG Metall unterstützt sie in ihren Anliegen, tut dabei aber nichts, was diese nicht selbst tun können. Es gehe ja um Emanzipation, nicht um Reklame.

Dieses “Organizing” genannte Vorgehen hatte in der Gewerkschaft zunächst viel Kritik ausgelöst: Es führe zu einer “unpolitischen Gewerkschaft”, zu einer Art “Pannendienst für Arbeitnehmerfragen”. Als dann jedoch die Mitgliederzahlen stiegen, wurde es akzeptiert. Denn es trug ja zu dem bei, was in der Verwechslung von Politik und Macht als politische Stärke gilt: Hohe Mitgliederzahlen und mehr Mitgliederbeiträge, damit in Tarifauseinandersetzungen ordentlich Druck ausgeübt werden kann. Man könnte auch sagen, viele Mitglieder und das von ihnen bezahlte Geld sind die Machtmittel, die im Machtkampf gegen die Unternehmer im Hinblick auf die im Voraus festgelegten Gewerkschaftsziele “Mehr Geld, weniger Arbeit” Erfolg versprechen. Und solche Machtkämpfe gelten als das, was “richtig” politisch ist, im Gegensatz zu den “banalen” Alltagssorgen der Menschen in den Betrieben und ihrem Wunsch nach einem guten und sinnvollen Leben, auch dort.

Ich bin sicher, dass die Mitgliederzahlen deshalb gestiegen sind, weil die IG Metall, ohne es zu wissen, mit dem, was sie “Organizing” nennt, zur Politik zurückgekehrt ist. Denn Politik ereignet sich dort, wo Menschen miteinander über das vernünftige Zusammenleben in der Welt verhandeln. Und das Tröstliche ist, dass sie auch dann wirksam werden kann, wenn dieses Verhandeln wie hier nur als Mittel zum Zweck gedacht ist, um die Macht der Gewerkschaft zu erhöhen.

Wenn beim Erwachsenwerden der Übergang vom Beschenktwerden zum Tauschen nicht gelingt

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie das Geben und Nehmen im menschlichen Zusammenleben so gestaltet werden kann, dass Beziehungen gelingen und das Leben der Einzelnen freier, leichter, lebendiger und reicher wird. Meine These ist, dass es dafür wichtig ist, die kulturellen Formen des Schenkens und des Tauschens besser zu unterscheiden, als dies bisher üblich ist. Während ich in meinem Buch „Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe“ den Schwerpunkt darauf gelegt habe, auf die Nachteile hinzuweisen, die der Verlust der Kultur der Gabe, also das Bewusstsein von ihrer Bedeutung, mit sich bringt, so dass manche Leserinnen sogar meinten, ich wende mich gegen die Welt des Tausches und des Marktes zugunsten einer rückwärtsgerichteten Gabengesellschaft (was nie mein Anliegen war), sehe ich in den Zerstörungen und Plünderungen von Jugendlichen im Laufe dieses Jahres den deutlichen Hinweis darauf, dass es der Gesellschaft und den jungen Leuten schadet, wenn diese zu lange in der Welt der Gabe bleiben und keine Chance sehen, in die Welt des Tauschs aufgenommen zu werden.

In Interviews sagten junge Männer, die sich an den Plünderungen dieses Sommers in England beteiligt hatten, sie wollten doch eigentlich nur einen guten Job und würden sich ihre Wünsche dann gern mit dem selbst verdienten Geld erfüllen. Doch es sei ja aussichtslos, einen Job zu bekommen. Gerade gab es eine Serie über Jugendarbeitslosigkeit in Europa in meiner Tageszeitung. Während hier in Deutschland mit ca. 9 % Arbeit suchenden Jugendlichen alles noch recht normal zu sein scheint (was aber auch daran liegt, dass sie in immer längere Ausbildungen eingebunden sind, also auch nicht in die Welt des Tauschs eintreten), sind die Zahlen über Spanien, Italien, England, Frankreich und Griechenland so, dass man sich nicht mehr über die Wut und Verzweiflung wundert, die in den Zerstörungen und Plünderungen zum Ausdruck kommen: knapp 50% in Spanien, 40% in Griechenland, 30% in Italien, im Süden aber ebenfalls mehr als 40%, 20% in Großbritannien, in den Vorstädten oft weit über 30%, 23% in Frankreich, in den Vorstädten zwischen 40 und 50%. Da die jungen Leute in der Regel bei den Eltern wohnen bleiben, sind die meisten von ihnen nicht existenziell in Not. Doch sie bleiben in der Welt der Gabe ihrer Kindheit und sehen keine Möglichkeit, die Freiheit zu erleben, die die Welt des Tauschs mit sich bringt. Beispielsweise selbst zu entscheiden, wo und mit wem sie zusammenleben, was und wie viel sie arbeiten und was sie von dem Geld kaufen, das sie dabei verdienen.

Wo hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht, kann ich die Verzweiflung und Wut junger Menschen also durchaus nachvollziehen, wobei mir die gezielte Plünderung von Bekleidungs- und Elektronikläden schon zu denken gibt. Dahinter vermute ich die Haltung, man habe einen Anspruch darauf, bestimmte Konsumartikel, die zu Statussymbolen geworden sind, zu besitzen. Und wenn man sie nicht von den Eltern bekomme, nehme man sie sich eben mit Gewalt.

Die Überzeugung, einen Anspruch auf etwas zu haben, und dann mit Gewalt zu reagieren, wenn er nicht erfüllt wird, begegnete mir diesen Sommer auch bei jungen Leuten, die für ihre alternative Lebensform im Bauwagen schon vor zwei Jahren einen Platz im Eingangsbereich eines besonderen Stadtteils von Freiburg besetzt hatten – extrem teures Bauland – , was unter anderem deshalb so lange geduldet wurde, weil der erste Investor nach der Besetzung absprang und es einige Zeit dauerte, bis eine Bebauungsmöglichkeit gefunden wurde, die im Stadtteil eher befürwortet wurde als die ursprüngliche. Die Wagenleute taten in den zwei Jahren viel dafür, sich im Stadtteil Sympathien zu erwerben, vor allem durch kulturelle und politische Veranstaltungen auf „ihrem“ Platz. Deshalb bildete sich dann auch aus VertreterInnen des Stadtteils ein „Runder Tisch“, der in Gesprächen mit der Stadtverwaltung dafür eintrat, dass den jungen Leuten alternative Wagenplätze angeboten wurden. Das Ziel war, eine gewaltsame Räumung zu verhindern. Trotz großen Engagements des „Runden Tisches“ gelang es nicht, direkt im Anschluss an den Räumungstermin eine Alternative für die jungen Leute zu finden. Obwohl die Wagen zunächst friedlich abzogen – sie wollten auch eine Beschlagnahme der Wagen verhindern – kam es dann doch zu gewaltsamen Ausschreitungen mit brennenden Barrikaden, Sachbeschädigungen und Angriffen auf Polizisten und Passanten. Die Wagenleute selbst haben sich zwar von diesen Aktionen distanziert, aber es ist bis heute unklar, ob einzelne von ihnen nicht doch dazu eingeladen haben.

Woher kommt es, dass die jungen Leute, die nach der Räumung randalierten, der Meinung sind, sie hätten einen Anspruch darauf, dass ihnen Wagenplätze zur Verfügung gestellt werden müssten? Warum konnten sie nicht sehen, dass es ein Geschenk war, dass sie zwei Jahre lang für sehr wenig Geld in bester Wohnlage leben konnten?

Für mich ist eine solche Haltung die Folge eines Aufwachsens, bei dem die Ebene des Schenkens und des Tauschens permanent vermischt wurden. Natürlich ist es für Eltern selbstverständlich, dass sie ihrem Kind schenken, was es braucht und was es freut, solange es noch nicht für sich selbst sorgen kann. Doch Kinder sollten beim Größerwerden lernen, dass Geschenke nie etwas Selbstverständliches sind. Um Geschenke kann man bitten, aber man hat keinen Anspruch darauf und kann sie deshalb auch nicht einfordern. Anspruch habe ich nur dann auf etwas, wenn ich mich auf der Ebene des Tauschs bewege, wenn ich entsprechend einer Vereinbarung für etwas, was ich gebe oder arbeite, eine Gegenleistung einfordern kann und muss. In unserer Kultur lernen Kinder jedoch im Elternhaus, vor allem aber durch Medien und Werbung, von Klein auf, dass sie ein Recht haben, ohne Gegenleistung dies und jenes zu bekommen, auch eine bestimmte Menge Geld, das Tauschmittel per se. Da nur wenige die Gelegenheit haben, im Rahmen ihres Älterwerdens auch immer mehr Tauschakte zu vollziehen, bleibt die Haltung, alles bekommen zu müssen, bis weit ins junge Erwachsenenalter hinein bestehen. Und dann liegt es doch nahe, mit Wut und Gewalt zu reagieren, wenn Wünsche, die aber als berechtigte Forderungen erlebt werden, nicht erfüllt werden.

Ich erinnere mich, dass ich es als Jugendliche auch lange selbstverständlich fand, bestimmte Dinge bezahlt zu bekommen: die Tanzstunde, die gemeinsamen Urlaube, den Führerschein. Und das, obwohl mir ständig Dankbarkeit gepredigt worden war und ich keinerlei Mitspracherecht hatte bei dem, was für mich gekauft wurde. Erst nachdem ich in die “Welt des Tauschs” eingetreten war, die ersten bezahlten Jobs erlebt hatte, konnte ich wertschätzen, was mir da geschenkt worden war. Der Übergang von der Welt des selbstverständlichen Versorgtwerdens zum Sorgen für sich selbst, was bei unserer Lebensweise nur mithilfe des warenförmigen Tauschs möglich ist, ist wahrscheinlich schon per se nicht einfach. Umso wichtiger ist es, ihn nicht noch zusätzlich zu erschweren oder gar unmöglich zu machen.

Weitermachen, mit Kainsmal

Letztes Wochenende war ich beim Treffen unserer Gruppe  “Kultur schaffen”. Einmal im Jahr denken wir ein ganzes Wochenende lang gemeinsam über Themen nach, die eine oder mehrere von uns gerade umtreiben.

Aus unserem Gespräch über Fukushima und die Folgen ergab sich die Frage, warum es in unserer Kultur so schwer ist, Fehler einzugestehen. Denn von denen, die bisher die Atomlobby unterstützt haben und jetzt plötzlich für den Ausstieg sind, hätten wir erwartet, dass sie zuerst einmal eingestehen, dass ihre vorherige Politik falsch war und Schaden angerichtet hat. Dass sie das nicht tun, führt dazu, dass wir ihnen nicht wirklich glauben können und daher wenig Hoffnung haben, dass die Katastrophe in Japan wenigstens bei uns zu einem nachhaltigen Umdenken führt.

Eine Mitdenkerin, die als Theologieprofessorin arbeitet, erklärte anhand der biblischen Geschichte von Kain und Abel, wie ein Umgang mit Schuld sein könnte, der weder das Geschehene verharmlost oder so tut, als könne man es durch eine Strafe ungeschehen machen, noch den oder die schuldig Gewordene in ihrer Existenz vernichtet. Nachdem Kain seinen Bruder erschlagen hat und nicht weiß, wie er weiterleben soll mit der allgegenwärtigen Angst vor Rache, macht Gott deutlich, dass Kain unter seinem Schutz steht, dass er nicht erlauben wird, dass Kain durch Rache vernichtet wird. Doch er zeichnet ihm ein Mal auf die Stirn, denn er bleibt von der nicht wiedergutzumachenden Schuld sein Leben lang gezeichnet.

Unsere politische Kultur ist so, dass Fehler so lange wie möglich vertuscht oder heruntergespielt werden. Wenn sie für alle offensichtlich sind oder schließlich freiwillig eingestanden werden, bedeutet das Rücktritt, Verzicht auf Machtpositionen und Ämter. Da die “Vernichtung” bzw. die freiwillige Selbstdemontage so total ist, sobald der Fehler eingestanden wurde, finden es viele Leute verständlich, dass versucht wird, ein solches Ende zu vermeiden. Wie ungewöhnlich es ist, dass nach einem Fehler eine hohe Position sofort aufgegeben wird, auch wenn das niemand verlangt, zeigt die Reaktion auf den Rücktritt von Margot Käßmann als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, nachdem sie nach Alkoholgenuss Auto gefahren war und dabei erwischt wurde. Mit ihrem sofortigen Rücktritt setzte sie Maßstäbe: Nach ihr trat gleich noch eine Bischöfin zurück wegen eines Vorwurfs, der noch nicht einmal belegt war. Gerade ist der Dompfarrer und Dekan in Freiburg zurückgetreten, weil er unter Alkohol einen Unfall verursacht hat, bei dem zum Glück niemand verletzt und kein anderer geschädigt wurde. (Allerdings war es schon die dritte Verfehlung in dieser Richtung). Auch wenn viele Menschen solche Rücktritte bedauern, finden sie sie doch irgendwie richtig. Und so ging es mir bisher auch.

Nachdem ich auf den Sinn des Kainsmals hingewiesen wurde, sehe ich das jetzt anders. In einer Kultur, die die Menschen, die diese Geschichte aufgeschrieben haben, sich als gottgewollt, als gut für das Zusammenleben aller, vorgestellt haben, bedeuten sogar solche Taten, die nicht wieder gutzumachen sind, nicht völlige Vernichtung, nicht Verschwinden von der Bildfläche, nicht das Aufgeben von allem, was einem im bisherigen Leben wichtig war. Zur eigenen Schuld stehen heißt nicht, sich klein machen und in ein Mauseloch verkriechen. Es heißt aufrecht durchs Leben gehen mit dem Kainsmal auf der Stirn, d.h. im Bewusstsein, dass man einen Fehler gemacht oder Schuld auf sich geladen hat und dass das für die anderen Menschen sichtbar ist und bleibt. Nicht der Rücktritt, sondern das Weiterarbeiten mit dieser “Beschädigung” würde meiner Meinung nach wirkliche Größe bedeuten. Dass ein Rücktritt leichter ist, als mit dem Kainsmal im Amt zu bleiben, hat Margot Käßmann sicher gewusst. Immerhin hatte sie die Wahl, im Gegensatz zu denen, die nicht freiwillig zurücktreten. Doch beides, der hochgelobte sofortige freiwillige Rücktritt und das verachtete Vertuschen, Herunterspielen und “am Amt Kleben” sind Teil einer Kultur, die es erschwert, Fehler einzugestehen.

Eine Kultur, in der es möglich wäre, mit Kainsmal in einem Amt zu bleiben, setzt allerdings auch voraus, dass es eine Bereitschaft zum Verzeihen und die Ächtung eines Verhaltens gibt, das Fehler von politischen Gegnern für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Ich stelle es mir jedenfalls schön vor, in einer Kultur zu leben, in der wir alle vor Augen haben, dass es zum Menschsein gehört, Fehler zu machen.