Gutes Leben und die Liebe zum öffentlichen Raum

Eine frühere Nachbarin von mir, die mit fast 80 immer noch wissenschaftlich arbeitete und Veranstaltungen leitete, sah ich vor etwa 15 Jahren öfter auf meinem Weg in die Stadt am Straßenrand oder auf dem Grünstreifen in der Mitte Müll auflesen, den sie dann auf ihrem Fahrrad-Gepäckträger nach Hause brachte und dort entsorgte. Ich fand ihr Verhalten damals lächerlich und peinlich, niemals hätte ich sie in dieser Situation angesprochen oder ihr gar geholfen. Vor allem hielt ich ihre Reinigungsversuche für komplett sinnlos. Hätte sie versucht, den Vorplatz vor unserem Wohnblock oder die angrenzenden Grünflächen auf diese Weise sauber zu halten, hätte ich noch Verständnis dafür gehabt. Leider habe ich sie nie danach gefragt, warum sie das tat.

Letzten Sommer sah ich, wie eine ebenfalls etwa 80-jährige Frau am Straßenrand in einer öffentlichen Anlage verblühte Blüten abpflückte, und freute mich einfach nur darüber. Hätte ich es nicht eilig gehabt, hätte ich mir sogar vorstellen können, ihr dabei zu helfen. Nun denke ich darüber nach, ob das Bedürfnis nach Schönheit in einem öffentlichen Bereich, den man täglich durchquert, und die Bereitschaft, etwas dafür zu tun, vielleicht etwas mit dem Älterwerden zu tun hat. Und ob vielleicht auch die Wertschätzung für den öffentlichen Raum und seine Gestaltung erst dann spürbar und sichtbar werden kann, wenn er mehr wird als ein Bereich, den man nur schnell hinter sich bringt, um von der Wohnung zur Arbeit und von der Arbeit zur Wohnung zu kommen.

Vor der Zeit meiner Berufstätigkeit, als Schülerin und als Studentin, war mir der öffentliche Raum ebenfalls sehr wichtig. Bei Reisen in große Städte fand ich die Orte, „wo etwas los war“, wo sich junge Leute trafen, viel interessanter als die zu besichtigenden Sehenswürdigkeiten. Ich freute mich über Plätze und Parks, wo ganz viele unterschiedliche Menschen und Menschengruppen sich frei bewegen konnten und wo viel mehr erlaubt war, als ich von meinem kleinstädtischen Umfeld gewohnt war. Damals kämpften wir an unseren Studienorten eher gegen Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum, wir ärgerten uns über alte Leute, die daran Anstoß nahmen, wenn wir uns einfach auf dem Pflaster niederließen oder wenn wir uns in der Öffentlichkeit küssten, kämpften aber auch – vergeblich ­– gegen Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr und gegen Gesetze, die uns demokratische Mitgestaltungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum der Hochschule entzogen. Ich denke, dass damals meine bis heute andauernde Liebe zum öffentlichen Raum entstanden ist. Es gibt für mich nach wie vor kein besseres Anti-Depressivum, als mich entspannt und ohne Zeitdruck im öffentlichen Raum zu bewegen.

Strukturell sind es zwar junge und alte Leute gleichermaßen, vor und nach dem Aufgefressenwerden durch Berufstätigkeit und Familienpflichten, für die es besonders wichtig sein könnte, sich für gutes Leben und Zusammenleben im öffentlichen Raum einzusetzen, konkret sind sie dort jedoch eher GegnerInnen. Beispielsweise gelang es trotz vieler Versuche „im Guten“ in Freiburg bis heute nicht, den jungen Leuten, die auf den Plätzen der Innenstadt die ganze Nacht lautstark feiern wollen, die Perspektive der Anwohner, die nachts schlafen wollen und müssen, nahe zu bringen. Auf einem Platz wurde z.B. eine „Säule der Toleranz“ aufgestellt, die nachts von einer bestimmten Uhrzeit an die Farbe wechselte. Diese wurde aber schließlich immer weniger beachtet und irgendwann sogar teilweise zerstört. Auch mit Abfällen übersäte Rasenflächen, nachdem dort das bestandene Abitur gefeiert wurde, lassen leider nichts von einer Wertschätzung des öffentlichen Raums erkennen und zeigen, dass die Verachtung von Care-Tätigkeiten und den Menschen, die sie verrichten, auch bei der zukünftigen Elite ungebrochen fortbesteht.

Die Frage nach dem guten Leben im öffentlichen Raum – beziehungsweise nach dem Zustand des öffentlichen Raums als Gradmesser für gutes Leben in einer Stadt oder einem Land – hat mich immer wieder beschäftigt, und zwar um so mehr, je mehr Zeit ich dort verbrachte. So fiel mir bei einem Urlaub an einem norditalienischen See der krasse Gegensatz zwischen der Schönheit und Gepflegtheit privater Gärten und der Hässlichkeit und Verwahrlosung des spärlichen öffentlichen Raums auf. In einer Kleinstadt im Schwarzwald war an breiten Straßen, fehlenden Gehwegen und ewiglangen Rotphasen der wenigen Fußgängerampeln zu erkennen, welcher Blickwinkel im Gemeinderat dominierte und welcher offensichtlich komplett fehlte. Wenn ich von Reisen ins Ausland zurück kam, nicht nur aus muslimischen Ländern, sondern auch aus Frankreich und Italien, war ich besonders dankbar dafür, wie frei ich mich als Frau ohne männliche Begleitung hier im öffentlichen Raum bewegen konnte, ohne belästigt zu werden, oder auch darüber, dass sich überhaupt Frauen im öffentlichen Raum aufhalten. Bei einem Besuch in einer Vorstadt von Lissabon stellte ich fest, dass hier überhaupt niemand zu Fuß unterwegs war. Aus Angst vor Überfällen und Entführungen verließen die Menschen ihr von einer hohen Mauer umgebenes Grundstück nur im Auto. Kinder wurden sogar zu den Freunden in der nächsten Querstraße mit dem Auto gebracht und durften nie allein den eigenen Hof verlassen. Ähnlich erlebte ich es schon Anfang der 70er Jahre in amerikanischen Vorstädten. Hier gab es also außer für ein paar unwissende Touristen und für Autofahrer überhaupt keinen öffentlichen Raum unter freiem Himmel mehr. Sehr bedrückend fand ich es auch, wenn ich – vor allem nach der Wende in Ländern des ehemaligen Ostblocks – den Eindruck hatte, niemand habe Interesse oder sei bereit, mit Fremden Kontakt aufzunehmen, der öffentliche Raum sei also, abgesehen von geschäftlichen Transaktionen, kontaktlos und stumm.

Vor einigen Jahren schrieb ich einen Text darüber, wie sich das Verständnis über das, was als privat und als öffentlich gilt, seit 68er-Bewegung und Frauenbewegung gewandelt hat. Damals hatte ich die Hoffnung, der öffentliche Raum könnte einmal so etwas wie eine große Wohnküche werden, in der viele Verschiedene zusammenkommen, die sich auch für die Gestaltung dieses Raumes verantwortlich fühlen. Heute habe ich eher den Eindruck, dass die gesellschaftliche Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung geht, weg vom Gestalten des öffentlichen Raums, hin zu noch mehr Privatheit und Eigeninteresse. Ich habe lange gezögert, über das zu bloggen, was ich dabei beobachte, denn ich möchte keine der Alten sein, die ständig herumnörgeln, alles werde schlechter und alles werde weniger, und früher sei alles besser gewesen. Doch da ich vom Reisen her weiß, wie unterschiedlich mein Wohlbefinden im öffentlichen Raum sein kann, ist mir auch klar, dass Freiheit und mein Wohlbehagen im öffentlichen Raum auch hier verloren gehen können, ebenso wie der Raum für Politik durch bestimmte Entwicklungen verlorengehen kann. Deshalb plane ich eine kleine Serie von Blogposts über Veränderungen im öffentlichen Raum, die ich mit „Kulturverlust“ überschreiben möchte. Mir ist bewusst, dass dieser Begriff und auch einige meiner Beobachtungen in Zeiten einer plötzlich auftretenden Massenbewegung von Menschen, die den Untergang der Kultur des Abendlandes fürchten, die Gefahr birgt, Zustimmung von der falschen Seite zu bekommen. Doch gerade auch deshalb erscheint es mir wichtig, über meine Beobachtungen und die Sorgen, die sie in mir auslösen, zu schreiben.

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„Genug“

Von Caroline Krüger wurde der Begriff „genug“ vor mehr als zwei Jahren in unsere Vor-Gespräche zum ABC des guten Lebens eingebracht. Ich merkte sofort, dass das „Genug“ etwas mit mir und meinem Begehren zu tun hat. Wie ich das immer mache, probierte ich die Möglichkeiten dieses Begriffes von mir selbst ausgehend aus und experimentierte damit: beim Essen, beim Umgang mit Zeit, bei Tätigkeiten und beim Konsum, beim Schenken und vor allem bei der Arbeit, die ich verschenke. So entdeckte ich das „Genug“ als wunderbaren persönlichen Maßstab, der mir erlaubte, immer in der Perspektive der Fülle zu verbleiben und trotzdem sinnvolle Grenzen zu setzen, die meinem Wohlergehen förderlich waren. Was mich aber ebenso sehr interessierte, war die Frage, ob das „Genug“ auch ein politischer Maßstab werden könnte, der – ohne Fülle, Schönheit, Freiheit, Genuss, Differenz und weitere ABC-Begriffe außer Acht zu lassen und ohne allen Moralismus – zur Begrenzung von technologisch-wirtschaftlich-gesellschaftlichen Entwicklungen führen könnte, die einem „guten Leben für alle“ schaden bzw. es verhindern. Mir war klar, dass ich daran im Gespräch mit anderen weiterarbeiten wollte. Ein Internetlink zu Ivan Illichs Buch „Selbstbegrenzung“ machte mich darauf aufmerksam, dass dieser Denker sich auch schon mit diesem Thema beschäftigt hat. Ich fand, dass einige seiner Überlegungen für eine politische Auseinandersetzung mit dem „Genug“ hilfreich sein könnten.

In meinem Workshop bei der Denkumenta 2013 wollte ich dann mit anderen zusammen an diesem Thema weiterdenken. Zu Beginn trugen wir in einigen Runden Statements zu einem „dankbaren“, „sehnsuchtsvollen“ und einem „abgrenzenden“ Genug zusammen anhand der vorgegebenen Satzanfänge:

 

– Ich bin dankbar, dass ich genug …  habe

– Ich freue mich, wenn ich genug …

– Mir geht es gut, wenn ich genug …

 

– Ich möchte endlich mal genug …  haben

– Ich wünsche mir genug …

– Ich sehne mich danach, genug … zu haben

 

– Davon hab ich genug, dass …

– Mir reicht es jetzt mit …

 

Wie ich es von italienischen Philosophinnen gelernt habe, gingen wir von dem aus, was wir schon haben, und von unserer Sehnsucht, vom Reichtum unseres Begehrens. Nicht von dem, was uns fehlt, vom Mangel. Beim abgrenzenden Genug ging es um ein Zuviel, das dem guten Leben schadet. Und damit lag der Schwerpunkt auch mehr auf dem guten Leben für alle als auf einem Kampf gegen das Zuviel.

Über vieles, was wir als ein Zuviel empfinden, sind wir uns schnell einig, beispielsweise Kriege, Rüstungsproduktion, Atomkraftwerke, Ressourcen- und Lebensmittelverschwendung, Zeitdruck, Arbeitsüberlastung usw., die Frage ist nur, wie diese Dinge begrenzt werden könnten und was wir dafür tun (und lassen) können oder wollen.

Ivan Illichs „Pamphlete“ aus den 1970-er Jahren richteten sich gegen ein Zuviel an etwas, von dem sich alle oder doch die meisten damals einig waren, dass es etwas Gutes ist und dass wir überall auf der Welt immer mehr davon brauchen. Vor allem wandte er sich gegen zu viel Beschulung und Expertentum, zu viel Medizin und Lebensverlängerung um jeden Preis, gegen immer höhere Geschwindigkeiten, gegen Sozialarbeit und Institutionen generell. Heute gäbe es vielleicht einen weitgehenden Konsens, dass wir überall auf der Welt immer mehr Arbeitsplätze und Energie brauchen, gegen den er sich möglicherweise stark machen würde. Illich kam zu seinen Einsichten, weil er die Welt außer aus deutsch-österreichisch-US-amerikanischer Sicht auch aus der Perspektive der Bevölkerung von Puerto Rico und vor allem von Mexico betrachtete, wo er zeitweise lebte.

Auf Englisch heißt Illichs Titel „Tools für conviviality“, ist also positiv formuliert, nicht so negativ und nach Moralismus riechend wie „Selbstbegrenzung“.

„Tools“ ist bei ihm ein sehr weit gefasster Begriff und schließt alles mit ein, was Menschen erfunden haben, „um sich fortzubewegen oder zu verweilen, als Heilmittel für Krankheiten, an Wegen und Mitteln zur Verständigung und zur Versorgung mit Lebensmitteln“. „Tools“ sind also auch Institutionen. Nach Illich gibt es bösartige Wucherungen dieser „Tools“, die einmal Fortschritt bedeutet haben, dann aber durch Experten- und Spezialistentum plus Machtkonzentration dazu führten, dass Menschen die Freiheit genommen wurde, das selbst zu tun, was sie selbst tun könnten, und sie in Arbeit und Konsum zu Sklaven der „Tools“ wurden. Menschen haben beispielsweise die Fähigkeit, „zu heilen, zu trösten, sich zu bewegen, ihre Häuser zu bauen und ihre Toten zu begraben“, schreibt Illich. Es gehe darum, in politischen Prozessen darauf hinzuarbeiten, Tools zu begrenzen, um wieder zu einer Balance zu kommen.

„Werkzeuge“, „Tools“, sind dann convivial, wenn sie dem guten Zusammenleben dienen, wenn sie uns die Freiheit lassen, sie in Anspruch zu nehmen oder auch nicht, ohne dass das Benachteiligung, Ächtung oder Abwertung nach sich zieht.

Eine conviviale Gesellschaft gewährleistet den Einzelnen freien Zugang zu den Werkzeugen, diese Freiheit wird nur um der Freiheit der anderen willen eingeschränkt. Conviviales Leben und Zusammenleben ist gekennzeichnet durch eine disziplinierte, schöpferisch-spielerische Leichtigkeit, durch eine feine Ausgewogenheit zwischen dem, was Menschen für sich selbst tun können und dem, was Werkzeuge im Dienste anonymer Institutionen für sie tun können. Eine Erhöhung des Innovationstempos ist nämlich nur sinnvoll, wenn gleichermaßen für Verwurzelung in der Tradition gesorgt, wenn eigene Lebensinhalte und Geborgenheitsgefühle gestärkt werden. Für Illich ist ein Ausschluss schädlichen Werkzeugs und die Beherrschung des nützlichen die wichtigste Priorität heutiger Politik. Denn „Werkzeuge“ können, wenn ihre Entfaltung nicht politisch begrenzt wird, von Helfern zu Herren und Meistern und schließlich zu Henkern werden.

Von einem radikalen Monopol spricht Illich, wenn in einem Lebensbereich die Freiheit, Dinge selbst zu erschaffen und zu gestalten, ganz verloren gegangen ist. (Beispiele: Tote beweinen und bestatten, Lernen versus institutionalisierter Schulung, Häuser bauen, gesunder Menschenverstand versus wissenschaftlicher Gutachten). Wenn Menschen also ihre ureigene Fähigkeit aufgeben, für sich und andere das zu tun, was sie können, um stattdessen etwas „Besseres“ zu bekommen, was ihnen nur ein wichtiges „Werkzeug“ geben kann.

Die Kosten für die Wucherungen der Tools und für die radikalen Monopole tragen schon jetzt alle Menschen, vor allem auch die, die solche Tools gar nicht brauchen oder gar keinen Zugang dazu haben.

Da nur wenig Zeit blieb, um die Nützlichkeit von Illichs Begriffen an konkreten Fragen aus dem Leben der Workshopteilnehmerinnen zu erproben, meinten diese, sie hätten noch nicht genug und baten um eine Verlängerung. Wir hängten also einen zweiten Workshop an, was sich für mich – und vielleicht auch für einige Teilnehmerinnen – im Nachhinein im Rahmen der Fülle der Tagungsangebote als ein „Zuviel“ herausstellte. Sicher werde ich bei anderer Gelegenheit und in anderen Zusammenhängen weiter über das abgrenzende „Genug“ und Illichs Anregungen dazu diskutieren. Vielleicht gelingt es ja dann, Wege zu einer politischen Begrenzung schädlicher oder ausufernder Tools zu finden.