Rationalisierung

Gestern habe ich mich endlich dazu aufgerafft, die Komposterde unter dem Kompost herauszuholen und im Garten zu verteilen. In meiner Vorstellung ist das eine scheußliche Knochenarbeit. Nur der Wunsch, meinen Obstbäumen und Beerenbüschen frische Nahrung zu geben, aus Dankbarkeit für die leckere Marmelade, die ich jeden Tag esse, bringt mich dazu, diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Doch sobald ich gestern angefangen hatte, fiel mir wieder ein, dass die Arbeit ja gar nicht mehr scheußlich ist, seit ich aufgehört habe, sie auf rationelle, „ökonomische“ Weise durchzuführen.

Als ich vor sieben Jahren erstmals Komposterde ernten konnte, nahm ich den Spaten und eine große Schaufel, um erst einmal die ganze Erde herauszuholen, was sehr mühsam ist, da dies nur bei sehr gekrümmter Körperhaltung geht. In einem zweiten Arbeitsgang schaufelte ich die Erde dann in einen großen Gartensack und machte ihn so voll, dass ich ihn gerade noch den Weg hinunter bis zum anderen Ende des Gartens tragen konnte, wo das Gemüsebeet ist. Die Idee war, so wenige Wege wie möglich zu haben und mich vom weiter Entfernten zum Näheren hinzubewegen – die Beerenbüsche sind direkt neben dem Kompost. Ich ging also so rationell wie möglich vor. Da mein Rücken die Schlepperei nicht mitmachte, nahm ich im nächsten Jahr einen großen Eimer, wodurch ich natürlich öfter laufen musste. Deshalb schafften wir dann eine Schubkarre an, die aber nie zum Einsatz kam. Denn in der Zwischenzeit hatte ich begriffen, dass die vielen „unnötigen“ Wege mit dem Eimer mir viel besser bekommen als das Einsparen von Wegen und Arbeitsgängen.

Schon seit einigen Jahren arbeite ich nun auf eine Weise, die dem Rationalisierungsgedanken geradezu entgegengesetzt ist: Ich hole – mit einer kleinen Schaufel – jeweils nur so viel Erde unter dem Kompost heraus, wie in meinen kleinsten Garteneimer passt. In aller Ruhe suche ich Steine und verpuppte Nacktschnecken heraus und werfe sie auf den Weg, in der Hoffnung, dass Vögel oder andere Tiere die Schnecken in diesem Stadium noch fressen. Dann bringe ich das Eimerchen voll Erde zu den Pflanzen, denen ich es gerade geben möchte, meistens den Beerenbüschen zuerst, da ich ihnen am dankbarsten bin. Beim Gehen erholt sich mein Körper von der zusammengekrümmten Haltung am Kompost, der Eimer ist nicht allzu schwer, beim Rückweg freue ich mich an den blühenden Schlehen- und Forsythiensträuchern, an denen ich vorbeikomme. Erstaunlicherweise dauert es auch gar nicht so viel länger als mit der anderen Methode, bis ich alle Erde zu den Pflanzen gebracht habe, vielleicht vier Stunden statt drei.

Bis gestern hatte ich aber noch das Gefühl, dass meine Arbeitsweise so nicht in Ordnung ist, und der Gedanke, jemand könnte mich mit meinem kleinen Eimerchen voll Erde zum Gemüsebeet gehen sehen, war mir peinlich. So fest sitzt auch in mir noch die Überzeugung, dass Arbeiten Schufterei sein muss, die wehtut, bei der ich bis an die Grenzen meiner Kraft gehen muss oder darüber hinaus, um ja nicht „unökonomisch“ vorzugehen. Dass ich die Arbeit so schnell wie möglich hinter mich bringen muss, um dann in der Freizeit Freude, Genuss und „richtiges Leben“ zu haben. Gestern habe ich begriffen, dass ein Abschied von diesem Rationalisierungsdenken eine Voraussetzung ist, um unser Arbeits- und Wirtschaftleben so umzubauen, dass Arbeiten mit Freude und Sinn, manchmal sogar auch mit Genuss, möglich wird.