Wenn beim Erwachsenwerden der Übergang vom Beschenktwerden zum Tauschen nicht gelingt

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie das Geben und Nehmen im menschlichen Zusammenleben so gestaltet werden kann, dass Beziehungen gelingen und das Leben der Einzelnen freier, leichter, lebendiger und reicher wird. Meine These ist, dass es dafür wichtig ist, die kulturellen Formen des Schenkens und des Tauschens besser zu unterscheiden, als dies bisher üblich ist. Während ich in meinem Buch „Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe“ den Schwerpunkt darauf gelegt habe, auf die Nachteile hinzuweisen, die der Verlust der Kultur der Gabe, also das Bewusstsein von ihrer Bedeutung, mit sich bringt, so dass manche Leserinnen sogar meinten, ich wende mich gegen die Welt des Tausches und des Marktes zugunsten einer rückwärtsgerichteten Gabengesellschaft (was nie mein Anliegen war), sehe ich in den Zerstörungen und Plünderungen von Jugendlichen im Laufe dieses Jahres den deutlichen Hinweis darauf, dass es der Gesellschaft und den jungen Leuten schadet, wenn diese zu lange in der Welt der Gabe bleiben und keine Chance sehen, in die Welt des Tauschs aufgenommen zu werden.

In Interviews sagten junge Männer, die sich an den Plünderungen dieses Sommers in England beteiligt hatten, sie wollten doch eigentlich nur einen guten Job und würden sich ihre Wünsche dann gern mit dem selbst verdienten Geld erfüllen. Doch es sei ja aussichtslos, einen Job zu bekommen. Gerade gab es eine Serie über Jugendarbeitslosigkeit in Europa in meiner Tageszeitung. Während hier in Deutschland mit ca. 9 % Arbeit suchenden Jugendlichen alles noch recht normal zu sein scheint (was aber auch daran liegt, dass sie in immer längere Ausbildungen eingebunden sind, also auch nicht in die Welt des Tauschs eintreten), sind die Zahlen über Spanien, Italien, England, Frankreich und Griechenland so, dass man sich nicht mehr über die Wut und Verzweiflung wundert, die in den Zerstörungen und Plünderungen zum Ausdruck kommen: knapp 50% in Spanien, 40% in Griechenland, 30% in Italien, im Süden aber ebenfalls mehr als 40%, 20% in Großbritannien, in den Vorstädten oft weit über 30%, 23% in Frankreich, in den Vorstädten zwischen 40 und 50%. Da die jungen Leute in der Regel bei den Eltern wohnen bleiben, sind die meisten von ihnen nicht existenziell in Not. Doch sie bleiben in der Welt der Gabe ihrer Kindheit und sehen keine Möglichkeit, die Freiheit zu erleben, die die Welt des Tauschs mit sich bringt. Beispielsweise selbst zu entscheiden, wo und mit wem sie zusammenleben, was und wie viel sie arbeiten und was sie von dem Geld kaufen, das sie dabei verdienen.

Wo hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht, kann ich die Verzweiflung und Wut junger Menschen also durchaus nachvollziehen, wobei mir die gezielte Plünderung von Bekleidungs- und Elektronikläden schon zu denken gibt. Dahinter vermute ich die Haltung, man habe einen Anspruch darauf, bestimmte Konsumartikel, die zu Statussymbolen geworden sind, zu besitzen. Und wenn man sie nicht von den Eltern bekomme, nehme man sie sich eben mit Gewalt.

Die Überzeugung, einen Anspruch auf etwas zu haben, und dann mit Gewalt zu reagieren, wenn er nicht erfüllt wird, begegnete mir diesen Sommer auch bei jungen Leuten, die für ihre alternative Lebensform im Bauwagen schon vor zwei Jahren einen Platz im Eingangsbereich eines besonderen Stadtteils von Freiburg besetzt hatten – extrem teures Bauland – , was unter anderem deshalb so lange geduldet wurde, weil der erste Investor nach der Besetzung absprang und es einige Zeit dauerte, bis eine Bebauungsmöglichkeit gefunden wurde, die im Stadtteil eher befürwortet wurde als die ursprüngliche. Die Wagenleute taten in den zwei Jahren viel dafür, sich im Stadtteil Sympathien zu erwerben, vor allem durch kulturelle und politische Veranstaltungen auf „ihrem“ Platz. Deshalb bildete sich dann auch aus VertreterInnen des Stadtteils ein „Runder Tisch“, der in Gesprächen mit der Stadtverwaltung dafür eintrat, dass den jungen Leuten alternative Wagenplätze angeboten wurden. Das Ziel war, eine gewaltsame Räumung zu verhindern. Trotz großen Engagements des „Runden Tisches“ gelang es nicht, direkt im Anschluss an den Räumungstermin eine Alternative für die jungen Leute zu finden. Obwohl die Wagen zunächst friedlich abzogen – sie wollten auch eine Beschlagnahme der Wagen verhindern – kam es dann doch zu gewaltsamen Ausschreitungen mit brennenden Barrikaden, Sachbeschädigungen und Angriffen auf Polizisten und Passanten. Die Wagenleute selbst haben sich zwar von diesen Aktionen distanziert, aber es ist bis heute unklar, ob einzelne von ihnen nicht doch dazu eingeladen haben.

Woher kommt es, dass die jungen Leute, die nach der Räumung randalierten, der Meinung sind, sie hätten einen Anspruch darauf, dass ihnen Wagenplätze zur Verfügung gestellt werden müssten? Warum konnten sie nicht sehen, dass es ein Geschenk war, dass sie zwei Jahre lang für sehr wenig Geld in bester Wohnlage leben konnten?

Für mich ist eine solche Haltung die Folge eines Aufwachsens, bei dem die Ebene des Schenkens und des Tauschens permanent vermischt wurden. Natürlich ist es für Eltern selbstverständlich, dass sie ihrem Kind schenken, was es braucht und was es freut, solange es noch nicht für sich selbst sorgen kann. Doch Kinder sollten beim Größerwerden lernen, dass Geschenke nie etwas Selbstverständliches sind. Um Geschenke kann man bitten, aber man hat keinen Anspruch darauf und kann sie deshalb auch nicht einfordern. Anspruch habe ich nur dann auf etwas, wenn ich mich auf der Ebene des Tauschs bewege, wenn ich entsprechend einer Vereinbarung für etwas, was ich gebe oder arbeite, eine Gegenleistung einfordern kann und muss. In unserer Kultur lernen Kinder jedoch im Elternhaus, vor allem aber durch Medien und Werbung, von Klein auf, dass sie ein Recht haben, ohne Gegenleistung dies und jenes zu bekommen, auch eine bestimmte Menge Geld, das Tauschmittel per se. Da nur wenige die Gelegenheit haben, im Rahmen ihres Älterwerdens auch immer mehr Tauschakte zu vollziehen, bleibt die Haltung, alles bekommen zu müssen, bis weit ins junge Erwachsenenalter hinein bestehen. Und dann liegt es doch nahe, mit Wut und Gewalt zu reagieren, wenn Wünsche, die aber als berechtigte Forderungen erlebt werden, nicht erfüllt werden.

Ich erinnere mich, dass ich es als Jugendliche auch lange selbstverständlich fand, bestimmte Dinge bezahlt zu bekommen: die Tanzstunde, die gemeinsamen Urlaube, den Führerschein. Und das, obwohl mir ständig Dankbarkeit gepredigt worden war und ich keinerlei Mitspracherecht hatte bei dem, was für mich gekauft wurde. Erst nachdem ich in die „Welt des Tauschs“ eingetreten war, die ersten bezahlten Jobs erlebt hatte, konnte ich wertschätzen, was mir da geschenkt worden war. Der Übergang von der Welt des selbstverständlichen Versorgtwerdens zum Sorgen für sich selbst, was bei unserer Lebensweise nur mithilfe des warenförmigen Tauschs möglich ist, ist wahrscheinlich schon per se nicht einfach. Umso wichtiger ist es, ihn nicht noch zusätzlich zu erschweren oder gar unmöglich zu machen.

Weitermachen, mit Kainsmal

Letztes Wochenende war ich beim Treffen unserer Gruppe  „Kultur schaffen“. Einmal im Jahr denken wir ein ganzes Wochenende lang gemeinsam über Themen nach, die eine oder mehrere von uns gerade umtreiben.

Aus unserem Gespräch über Fukushima und die Folgen ergab sich die Frage, warum es in unserer Kultur so schwer ist, Fehler einzugestehen. Denn von denen, die bisher die Atomlobby unterstützt haben und jetzt plötzlich für den Ausstieg sind, hätten wir erwartet, dass sie zuerst einmal eingestehen, dass ihre vorherige Politik falsch war und Schaden angerichtet hat. Dass sie das nicht tun, führt dazu, dass wir ihnen nicht wirklich glauben können und daher wenig Hoffnung haben, dass die Katastrophe in Japan wenigstens bei uns zu einem nachhaltigen Umdenken führt.

Eine Mitdenkerin, die als Theologieprofessorin arbeitet, erklärte anhand der biblischen Geschichte von Kain und Abel, wie ein Umgang mit Schuld sein könnte, der weder das Geschehene verharmlost oder so tut, als könne man es durch eine Strafe ungeschehen machen, noch den oder die schuldig Gewordene in ihrer Existenz vernichtet. Nachdem Kain seinen Bruder erschlagen hat und nicht weiß, wie er weiterleben soll mit der allgegenwärtigen Angst vor Rache, macht Gott deutlich, dass Kain unter seinem Schutz steht, dass er nicht erlauben wird, dass Kain durch Rache vernichtet wird. Doch er zeichnet ihm ein Mal auf die Stirn, denn er bleibt von der nicht wiedergutzumachenden Schuld sein Leben lang gezeichnet.

Unsere politische Kultur ist so, dass Fehler so lange wie möglich vertuscht oder heruntergespielt werden. Wenn sie für alle offensichtlich sind oder schließlich freiwillig eingestanden werden, bedeutet das Rücktritt, Verzicht auf Machtpositionen und Ämter. Da die „Vernichtung“ bzw. die freiwillige Selbstdemontage so total ist, sobald der Fehler eingestanden wurde, finden es viele Leute verständlich, dass versucht wird, ein solches Ende zu vermeiden. Wie ungewöhnlich es ist, dass nach einem Fehler eine hohe Position sofort aufgegeben wird, auch wenn das niemand verlangt, zeigt die Reaktion auf den Rücktritt von Margot Käßmann als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, nachdem sie nach Alkoholgenuss Auto gefahren war und dabei erwischt wurde. Mit ihrem sofortigen Rücktritt setzte sie Maßstäbe: Nach ihr trat gleich noch eine Bischöfin zurück wegen eines Vorwurfs, der noch nicht einmal belegt war. Gerade ist der Dompfarrer und Dekan in Freiburg zurückgetreten, weil er unter Alkohol einen Unfall verursacht hat, bei dem zum Glück niemand verletzt und kein anderer geschädigt wurde. (Allerdings war es schon die dritte Verfehlung in dieser Richtung). Auch wenn viele Menschen solche Rücktritte bedauern, finden sie sie doch irgendwie richtig. Und so ging es mir bisher auch.

Nachdem ich auf den Sinn des Kainsmals hingewiesen wurde, sehe ich das jetzt anders. In einer Kultur, die die Menschen, die diese Geschichte aufgeschrieben haben, sich als gottgewollt, als gut für das Zusammenleben aller, vorgestellt haben, bedeuten sogar solche Taten, die nicht wieder gutzumachen sind, nicht völlige Vernichtung, nicht Verschwinden von der Bildfläche, nicht das Aufgeben von allem, was einem im bisherigen Leben wichtig war. Zur eigenen Schuld stehen heißt nicht, sich klein machen und in ein Mauseloch verkriechen. Es heißt aufrecht durchs Leben gehen mit dem Kainsmal auf der Stirn, d.h. im Bewusstsein, dass man einen Fehler gemacht oder Schuld auf sich geladen hat und dass das für die anderen Menschen sichtbar ist und bleibt. Nicht der Rücktritt, sondern das Weiterarbeiten mit dieser „Beschädigung“ würde meiner Meinung nach wirkliche Größe bedeuten. Dass ein Rücktritt leichter ist, als mit dem Kainsmal im Amt zu bleiben, hat Margot Käßmann sicher gewusst. Immerhin hatte sie die Wahl, im Gegensatz zu denen, die nicht freiwillig zurücktreten. Doch beides, der hochgelobte sofortige freiwillige Rücktritt und das verachtete Vertuschen, Herunterspielen und „am Amt Kleben“ sind Teil einer Kultur, die es erschwert, Fehler einzugestehen.

Eine Kultur, in der es möglich wäre, mit Kainsmal in einem Amt zu bleiben, setzt allerdings auch voraus, dass es eine Bereitschaft zum Verzeihen und die Ächtung eines Verhaltens gibt, das Fehler von politischen Gegnern für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Ich stelle es mir jedenfalls schön vor, in einer Kultur zu leben, in der wir alle vor Augen haben, dass es zum Menschsein gehört, Fehler zu machen.

„Manchmal muss man kämpfen, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck“

Letzte Woche unterstützte ich per Internetclick einen Aufruf an die UNO, sich für die Einrichtung einer No-Fly-Zone über Libyen einzusetzen. Erstaunlicherweise machte ich mir keine Gedanken darüber, dass ein solches Flugverbot auch durchgesetzt werden muss und dass dafür Gewalt angedroht und wahrscheinlich auch eingesetzt werden würde. Inzwischen wird schon bombardiert.

Als ich dann hörte, dass Deutschland sich bei der Verabschiedung der Resolution enthalten und klar gesagt hatte, sich nicht militärisch an dieser Sache zu beteiligen, war ich einerseits erleichtert, andererseits fühlte ich mich aber auch ziemlich schlecht dabei: Gedanken wie „die Menschen in Libyen in ihrem Kampf gegen einen gewalttätigen, skrupellosen Diktator im Stich lassen“, „mitverantwortlich sein für weitere Morde“, „Drückebergerei“, „Feigheit“ und „Andere den Kopf hinhalten lassen“ erinnerten mich daran, wie oft ich mich schon geschämt habe, weil ich nicht mutiger einem Unrecht entgegengetreten bin. Beispielsweise in meiner Kindheit, wenn meine ältere Schwester meinem jähzornigen Vater die Stirn bot, obwohl klar war, dass gleich Schläge auf sie herunterprasseln würden. Damals war ich meistens inhaltlich auf ihrer Seite und wünschte doch inständig, sie möge nachgeben und ja und amen sagen, wie ich es in vergleichbaren Situationen immer tat. Weder meine Mutter noch ich haben jemals gewagt, meine Schwester zu unterstützen, womit wir das Prügeln vielleicht hätten verhindern können. Sie hat uns das – zu Recht – wohl nie verziehen.

Dass neben Frankreich wieder einmal England und die USA sofort zum Militäreinsatz entschlossen waren, erinnerte mich daran, dass der Kampf der USA auf Seiten der Alliierten gegen Hitlerdeutschland auch unser Land einmal unter großen Opfern von einer verbrecherischen Diktatur befreit hat, wofür ich schon dankbar bin. Während ich innerlich ständig hin und her schwankte, wie ich die Entscheidung unserer Regierung nun finden sollte – auch in der SPD und bei den GRÜNEN gingen die Meinungen ja auseinander – besuchte ich meinen 93-jährigen Onkel, der trotz jahrelanger CDU-Mitgliedschaft immer wieder davon spricht, dass durchaus nicht alles schlecht gewesen sei, was Hitler getan hat. Ich stellte ihm eine Frage, über die ich erstaunlicherweise noch nie vorher nachgedacht hatte: Was wäre denn möglicherweise geschehen, wenn die USA damals nicht in den Krieg eingetreten wären? Ich dachte an andere Diktaturen, bespielsweise die in Spanien oder in Chile, wo ein Eingreifen von außen nicht stattfand oder nicht die Befreiung brachte. Aus meiner Frage ergab sich ein Gespräch zwischen meinem Onkel und mir, wie es uns noch nie gelungen ist. Zum ersten Mal konnte ich ihm wirklich zuhören, was nicht heißt, dass wir einer Meinung waren. Doch schließlich sprach er über die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Kriegen, was ich von ihm niemals erwartet hätte.

Die ganze Zeit geht mir der Satz aus dem Kinderbuch von Astrid Lindgren „Die Brüder Löwenherz“ nicht aus dem Kopf, den ich als Überschrift für diesen Artikel gewählt habe: Es gibt Dinge, die man tun muss, selbst wenn sie gefährlich sind, „weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck“ (Lindgren, Hamburg 1973, S.56). Obwohl es den Menschen in seinem Tal gut geht, bricht Jonathan, der Ältere der Brüder, mit dieser Begründung ins Nachbartal auf, wo die Menschen grausam unterdrückt werden, um dort für Befreiung zu kämpfen. Obwohl er niemals töten wollte, greift er schließlich – nicht im Buch, aber im Film – doch zur Waffe. Nach demselben Muster ist die Neuverfilmung von „Alice im Wunderland“ gestrickt, obwohl die Geschichte im Original ganz anders ist. Wird hier schon Kindern etwas nahegebracht, was dazu führen soll, dass sie später zu als notwendig deklarierten Kampfhandlungen ihre Zustimmung geben werden? Werden sie so darauf vorbereitet, später einmal an einem Militäreinsatz in einem fremden Land teilzunehmen?

Ich glaube schon, dass man manchmal kämpfen muss, um „ein Mensch zu sein und kein Häuflein Dreck“, doch es gibt sehr viele Möglichkeiten zu kämpfen, ohne Gewalt einzusetzen.

Zu Gewalt und Arbeitszwang in der Heimerziehung

Meine Tageszeitung widmet heute den Vorschlägen des Runden Tisches „Heimerziehung“ eine ganze Seite. Der Hintergrundartikel trägt den Titel „Inseln des Unrechts im Rechtsstaat“. Berichtet wird auch, was der Ratsvorsitzende der EKD zu diesem „erschreckenden Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ gesagt hat. Er fand es „bedrückend und beschämend, dass auch in kirchlichen Heimen in erheblichem Maße gegen die Maßstäbe des Evangeliums gehandelt worden sei.“

Auch wenn ich froh bin, dass das Unrecht, das Kindern und Jugendlichen in Heimen angetan worden ist, nun endlich öffentlich anerkannt wird, sehe ich in dem Bild von „Inseln“ und in dem „auch in kirchlichen Heimen“ schon wieder eine Verharmlosung und befürchte, dass nicht gründlich genug darüber nachgedacht wird, wie es zu einem durch Gewalt und Arbeitszwang gekennzeichneten Erziehungsverhalten kommen konnte, das ja in den 50er und 60er Jahren nicht nur die in Heimen aufwachsenden Kinder betraf, sondern auch in den Schulen und Familien wirksam wurde.

Wie ich in meinem Buch „Lebenslänglich besser. Unser verdrängtes pietistisches Erbe“ herausgearbeitet habe, gibt es einen deutlichen historischen Zusammenhang zwischen solchen Erziehungskonzepten und dem Pietismus Hallescher Prägung, der großen Einfluss auf die evangelische Kirche, den preußischen Staat und im Weiteren auf unsere gesamte Kultur bis hin zu unserer heutigen Einstellung zur Arbeit hatte. Die ersten Heime und weitere Erziehungseinrichtungen,  in denen der Zwang zum pausenlosen Arbeiten als Heilmittel gegen die sündige Natur und als Erziehungskonzept zur Tüchtigkeit verstanden und propagiert wurden, entstanden zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus der Zusammenarbeit zwischen Halleschem Pietismus und dem preußischen Staat, der den Pietismus damals zu einer Art Staatsreligion machte, die ihm auch beim Aufbau seines Militärstaats nützlich war .  

Bei der jetzigen Aufarbeitung des Unrechts, das Heimkindern angetan wurde, schmerzt mich auch, dass es so spät geschieht. Die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof hat dieses Unrecht schon früh wahrgenommen und durch Veröffentlichungen darauf hingewiesen, beispielsweise in ihrem Buch „Bambule“. Die Enttäuschung darüber, dass die staatlichen und kirchlichen Einrichtungen damals nichts davon wissen und schon gar nichts dagegen unternehmen wollten, hat zweifellos zur Radikalisierung Ulrike Meinhofs und ihrer Freundinnen und Freunde beigetragen, zu denen ja auch ehemalige Heiminsassen gehörten. Viel Leid hätte ihnen und den Opfern der RAF und ihren Angehörigen erspart werden können, wenn die zuständigen Institutionen damals ihrer Verantwortung entsprechend gehandelt hätten. Wer von „Inseln des Unrechts im Rechtsstaat“ spricht, tut so, als habe damals niemand etwas über das Unrecht in den Heimen gewusst oder wissen können.

Entwicklung braucht kein großes Wirtschaftswachstum

In der Zeit, als die Medien überwiegend mit den Folgen zweier Regierungsentscheidungen beschäftigt waren – den Protesten  gegen Stuttgart 21 und gegen die Laufzeitverlängerung der Atommeiler – , die deshalb zustande kamen, weil den Wachstumswünschen der Wirtschaft mehr Gehör geschenkt worden war als den Bedürfnissen und Sorgen der Bevölkerung, fand ich einen kleinen Artikel in meiner Tageszeitung („Entwicklung braucht wenig Wachstum“, Badische Zeitung, 6.11.2010), der mich von Herzen freute.

Informiert wird in dem Text über einen UN-Bericht zur menschlichen Entwicklung, den Human Development Report des UNDP, der seit 1990 jedes Jahr veröffentlicht wird. Dieses Jahr wurde auch über die Langzeitentwicklung seit 1970 berichtet. Untersucht wurden 135 Länder, in denen insgesamt 92 % der Weltbevölkerung leben.

Die Untersuchung zeigt, dass sich die Lebenschancen und Lebensbedingungen für die Mehrheit der heute etwa sieben Milliarden Menschen auf der Erde im untersuchten Zeitraum deutlich verbessert haben. Das überraschendste Ergebnis war aber, dass dies in den meisten Fällen unabhängig vom wirtschaftlichen Wachstum des jeweiligen Landes geschah. Flavia Pansieri, eine der Autorinnen des Berichtes, erklärte: „Gesundheit, Bildung, demokratische Teilhabe und gerechte Verteilung sind auch bei geringem Wirtschaftswachstum möglich – und die Länder mit den größten Fortschritten bei der menschlichen Entwicklung sind oft diejenigen ohne rasantes Wirtschaftswachstum, aber mit gutem öffentlichem Gesundheits-, Sozial- und Bildungssystem.“

Es freut mich, dass das, was ich schon lange vermutet habe, nun auch durch eine Untersuchung belegt ist: Ständiges Wirtschaftswachstum, das uns als vorgebliche Voraussetzung für ein gutes Leben pausenlos gepredigt wird, liegt vor allem im Interesse derer, die daran verdienen. Für das gute Leben aller sind andere Entwicklungen wichtiger. Dass immer mehr Menschen dies ahnen und durch eine solche Untersuchung nun auch wissen, zeigen ja auch die jüngsten Proteste, wobei es besonders bemerkenswert ist, dass sogar in der Stadt der Autoindustrie Stuttgart, der man das lange nicht zugetraut hätte, ein so breiter und lang anhaltender Widerstand zustande kam.

Böses mit Gutem überwinden?

Seit zweitausend Jahren versucht das Christentum uns einzureden, man könne Böses mit Gutem überwinden. Vielleicht wurde im Namen der christlichen Religion auch deshalb so viel Böses getan, weil diese Predigt innerhalb der eigenen Reihen als Beißhemmung gewirkt hat, so dass die Skrupellosen und Machtgierigen es leicht hatten, sich durchzusetzen. Und diese griffen dann wieder zu den Methoden, die genauso wenig gegen das Böse helfen: es mit noch mehr Bösem überwinden zu wollen. Als ich hörte, dass die evangelische Kirche in Deutschland für das kommende Jahr den Satz vom Überwinden des Bösen durch Gutes als Jahreslosung gewählt hat, bin ich so richtig wütend geworden. Ich dachte nämlich an eine fromme Freundin, die seit einem Jahr von ihren Kolleginnen gemobbt wird und es einfach nicht schafft, sich vernünftig zu wehren, notfalls auch mithilfe ihrer Vorgesetzten, trotz Therapie und vieler ermutigender Gespräche. Und ich dachte an eine andere Bekannte, die in einer solchen Situation versucht hat, die Kolleginnen zu besänftigen, indem sie für alle Kuchen mitbrachte, was mit noch mehr Häme beantwortet wurde.

Um Kuchen geht es auch in der Geschichte, mit der Christine Nöstlinger schon Kindern weismachen will, dass es hilft, jemandem etwas Gutes zu tun, der einen schlecht behandelt. In den „schönsten Geschichten vom Franz“ erzählt sie, wie Franz, einer der Kleinsten in der Klasse, von Eberhard, einem großen, dicken Jungen, ständig getriezt, herumgeschubst und gedemütigt wird. Da ihm die Ratschläge seiner Eltern und seines großen Bruders, der beinahe ebenso unfreundlich mit ihm umgeht, dem er aber immer wieder verzeiht, nicht weiterhelfen, fragt er die Studentin, die ihn nachmittags betreut, um Rat. Diese spricht Eberhard an, als die Kinder aus der Schule kommen, und tut so, als sei sie total begeistert von ihm, da er sie an ihren kleinen Bruder erinnere, (den es nicht wirklich gibt). Sie lädt ihn dann zum Kaffeetrinken ein und lässt ihn einen ganzen Pflaumenkuchen aufessen. Franz, der sich bei der Nachbarin und Mutter seiner besten Freundin darüber beklagt, bekommt von dieser Frau zum Trost deren Kuchen vorgesetzt, der sowieso noch besser schmeckt. Am nächsten Tag erklärt Eberhard in der Schule, der Franz stehe ab jetzt unter seinem besonderen Schutz, und wer ihn schlecht behandle, bekomme es mit ihm zu tun.

Ich halte es für unverantwortlich, Kindern so etwas als Problemlösung anzubieten. Und ich halte es auch für unverantwortlich, wenn die Kirche in einer Jahreslosung dazu auffordert, Böses mit Gutem zu überwinden. Mir haben gegen die diesbezügliche Beeinflussung Texte der italienischen Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ geholfen, besonders einer, den ich für die Onlinezeitung beziehungsweise-weiterdenken übersetzt habe. In diesem Text warnt die Autorin davor, Böses mit Gutem heilen zu wollen. Denn das Böse ernähre sich von dem Guten, das man ihm anbiete. Ich glaube, dass sie damit Recht hat, viele meiner Erfahrungen und Beobachtungen sprechen jedenfalls dafür. Wenn wir uns davon befreit haben, das Böse mit Gutem überwinden zu wollen, und auch vom Gegenteil nichts halten, sind wir frei, unsere ganze Kreativität einzusetzen, um nach anderen Lösungen zu suchen. In dem genannten Artikel „Fluchen, beten, nicht fragen“ gibt es dazu schon ein paar gute Ideen.

Glücklich machen geht nicht

Als ich neulich mit dem Rad zur Arbeit fuhr, wobei mir immer ziemlich viel durch den Kopf geht, fiel mir auf, dass meine Partnerin und ich gerade beide glücklich waren. Dabei verblüffte mich die Erkenntnis, dass unser jeweiliges Glücklichsein überhaupt nichts mit der anderen und mit unserer Liebe füreinander zu tun hatte: Ich hatte gerade ein Buch gut zu Ende gebracht, von dem ich in den zwei Jahren, in denen ich daran arbeitete, nicht einmal mir selbst gegenüber hatte erklären können, warum ich so viel Mühe hineinsteckte. Meiner Partnerin war es ein paar Tage lang gelungen, sich neben der Arbeit her ausreichend Freiraum für ihr künstlerisches Schaffen zu nehmen.

Als ich über meine Entdeckung nachdachte, begriff ich, dass die Vorstellung, wir könnten einander glücklich machen – in der Partnerschaft, in der Familie, aber auch in unserem politischen Engagement für andere – nicht nur falsch ist, sondern oft unserem Glück und dem der anderen sogar im Weg steht. Der Satz „Ich will dich glücklich machen“ oder gar „Ich werde dich glücklich machen“, der in Filmen, Büchern oder Liedern bei mir immer noch Rührung auslöst, sollte vielleicht in Zukunft in einem Spam-Filter hängen bleiben, damit er keinen weiteren Schaden anrichtet. (Die Idee mit dem Spam-Filter stammt von meinem Pfarrer, der ihn einsetzen wollte, um den Gedanken von der Allmacht Gottes herauszufiltern. Und tatsächlich sehe ich zwischen beiden Vorstellungen, der vom Glücklichmachen und der vom allmächtigen Gott, eine Parallele).

Natürlich wünschen wir uns, wenn wir lieben, dass die geliebte Person glücklich ist. Und wir möchten zu ihrem Glück beitragen, indem wir ihr eine Freude machen, sie unterstützen, ihr Materielles, Zeit, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und – in einer Liebesbeziehung – auch sexuelle Erfüllung schenken. Doch der Gedanke, wir müssten sie damit glücklich machen, macht uns kränkbar, wenn unser Geschenk dies nicht bewirkt, und macht unser Gegenüber unfrei, dies einzugestehen. Wir fühlen uns vielleicht schuldig und verlieren unser Selbstvertrauen, weil wir meinen, nicht richtig lieben zu können, vielleicht auch nicht „die Richtige“ für unser Gegenüber zu sein. Möglicherweise reagieren wir sogar mit Eifersucht auf die Menschen und Dinge, die unser Gegenüber glücklich machen, weil wir finden, dass nur wir oder wir in erster Linie, dazu in der Lage sein sollten. Wenn unser Gegenüber diese Ansicht teilt und schließlich nur noch partnerschaftlich ausgelöstes Glück zulässt, ist der erste Schritt getan, dass unser Leben langweilig wird und wir miteinander so richtig unglücklich werden.

Die Erwartung, jemand müsste uns glücklich machen – dem Liebes- oder Ehepartner gegenüber, zwischen Kindern und Eltern, manchmal auch einer Institution, einer Staatsform oder Gott gegenüber – richtet ebenfalls nur Schaden an. Sie führt zu Enttäuschungen, zu Vorwürfen und Kränkungen. Und, was noch schlimmer ist: Wenn wir anderen die Verantwortung für unser Glücklichsein zuschieben, halten wir uns selbst davon ab, uns um unser Glück zu kümmern, also zunächst einmal das wahrzunehmen und beiseite zu räumen, was unserem Glück ganz offensichtlich im Weg steht. Und das könnte auch die Vorstellung sein, wir müssten andere glücklich machen.

An dieser Stelle meines Gedankengangs erinnerte ich mich daran, warum mir die Präambel zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung so gut gefällt: Alle Menschen seien mit (dem Recht auf) Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück ausgestattet, heißt es da. Und die Aufgabe des Staates, also der Politik, sei es, dies zu schützen. Also dafür zu sorgen, dass dem Leben, der Freiheit und dem Streben der Menschen nach Glück nichts im Weg steht, vor allem auch nicht der Staat selbst.

Warum so etwas Einfaches politisch so schwer umzusetzen ist, verstehe ich sofort, wenn ich daran denke, wie schwer es sogar in einer liebenden Partnerschaft fällt, einander den Raum zu lassen, damit jede nach ihrer eigenen Fasson selig werden kann, und wie lange ich selbst gebraucht habe, um das zu lernen. Hätte ich schon früher begriffen, dass Glücklichmachen nicht möglich und überhaupt nicht meine Aufgabe ist, wäre mir das wahrscheinlich etwas leichter gefallen.

Primäre Politik

Letzte Woche fuhr ich mal wieder mit der Straßenbahn zur Arbeit. Unterwegs kam es an einer Haltestelle zu einer Verzögerung der Weiterfahrt: Zwei ältere Frauen stiegen vorn bei der Fahrerin ein. Die eine schluchzte laut, die andere erklärte in gebrochenem Deutsch der Fahrerin, was geschehen war. Ihre Begleiterin hatte gerade in der Straßenbahn in Gegenrichtung ihre Handtasche mit allen Papieren und Wertsachen  liegenlassen. Die Straßenbahnfahrerin verständigte über Funk den Fahrer der anderen Straßenbahn, dieser machte eine Lautsprecherdurchsage, die Tasche wurde gefunden. Unsere Fahrerin erklärte den Frauen noch genau, wann die Bahn an der Haltestelle eintreffen würde und welche Nummer sie hatte. Die Sprecherin der beiden Frauen bedankte sich bei ihr und wandte sich dann an uns Fahrgäste, um sich wegen der Verzögerung zu entschuldigen. Erst nachdem beide ausgestiegen waren, legte sie tröstend den Arm um ihre immer noch weinende Begleiterin, die vielleicht noch gar nicht verstanden hatte, dass das Problem bereits gelöst war.

Für mich ist dieses Erlebnis ein schönes Beispiel für das, was die italienische Journalistin Marina Terragni in einem Artikel als „primäre Politik“ bezeichnet hat. Primäre Politik heißt für mich, das in einer bestimmten Situation Notwendige zu tun (oder zuzulassen), um ein gutes Zusammenleben zu ermöglichen. Es auch dann zu tun, wenn es die normalen Abläufe stört, wenn es vielleicht peinlich ist – mir wäre es bestimmt schwer gefallen, mit einer laut schluchzenden Begleiterin eine vollbesetzte Straßenbahn zu betreten.  Es auch dann zu tun, wenn es einem Ärger einbringen kann – die Fahrerin riskierte, ihren Fahrplan nicht einhalten zu können, auch die Fahrgäste hätten wegen der Verzögerung verärgert reagieren oder dadurch selbst Ärger bekommen können. Und all dies in Kauf zu nehmen, obwohl es gut sein kann, dass man mit seinem Handeln keinen Erfolg hat: Unsere Fahrerin hätte die Frauen abweisen können, jemand in der anderen Straßenbahn hätte die Tasche schon an sich genommen haben können, um sie zu stehlen.

Es könnte sein, dass viele Frauen deshalb kein Interesse haben, in der sekundären Politik mitzumischen oder in Führungspositionen aufzusteigen, weil es ihnen viel wichtiger ist, in ihrer direkten Umgebung für ein gutes Zusammenleben der Menschen und für Wohlbefinden sorgen zu können. Die sekundäre Politik, die ja von den meisten Menschen als die eigentliche Politik wahrgenommen wird und sich auch selbst so sieht und darstellt, gibt zwar auch vor, für das gute Zusammenleben der Menschen sorgen zu wollen, doch dies gelingt ihr eher wenig, manchmal bewirkt sie sogar das Gegenteil. Nach einer Schätzung der Philosophin Luisa Muraro brauchen Menschen in Machtpositionen etwa vier Fünftel ihrer Zeit und Energie für die Macht selbst, für Aktivitäten, die mit ihrer Erhaltung und Vermehrung zu tun haben, nur ein Fünftel bleibt für die eigentlichen politischen Aufgaben übrig.

Ich bin trotzdem froh, dass auch Menschen, die nicht so sehr an der Macht  interessiert sind – und das sind mehr Frauen als Männer – das Opfer bringen, in der sekundären Politik mitzuarbeiten. Denn diese kann, wenn sie gut ist, gute Bedingungen für die primäre Politik schaffen, und das sehe ich als ihre eigentliche Aufgabe an. Sie kann aber primäre Politik auch erschweren oder behindern. Erschweren, wenn es ihr nicht gelingt, Korruption, Krisen oder gar Kriege zu verhindern, so dass primäre Politik trotz Aufbietung aller Kräfte nur noch Elend mildern und kein gutes Leben mehr schaffen kann. Behindern, indem sie Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzt oder durch massive Ungerechtigkeiten den Boden dafür bereitet. Im schlimmsten Fall, wie wir sie unter der Hitlerdiktatur hatten, können Menschen sich nur noch unter Lebensgefahr für ein gutes Zusammenleben mit ihren Nachbarn oder Arbeitskollegen einsetzen, beispielsweise mit Behinderten, Juden oder Kriegsgefangenen. Primäre Politik, sie zu tun oder auch nur zuzulassen, wird dann zu einer Heldentat. Auch in unseren Zeiten und in unserem Land mit seinen recht guten Bedingungen kann primäre Politik lebensgefährlich sein und Heldenmut erfordern, beispielsweise wenn jemand versucht, Gewalt mehrerer gegen Wehrlose zu verhindern und dann selbst angegriffen wird.

Doch meistens ist primäre Politik so unspektakulär wie mein Straßenbahnbeispiel und trotzdem beeindruckend und schön und grundlegend wichtig für uns alle.

Zwangs“männlichkeit“

Einige grüne Männer haben ein „Männer-Manifest“ geschrieben. Ausgehend von der Tatsache, dass Männer im Schnitt sechs Jahre früher sterben als Frauen, stellen sie die männliche Kultur der Abhärtung gegen Schmerzen, der permanenten Überlastung und der Ignoranz gegenüber körperlichen Signalen in Frage. Sie plädieren dafür, Macht abzugeben, sich Schwäche zuzugestehen, Arbeitszeiten zu reduzieren, Verantwortung und Pflichten zu teilen, sich für Entschleunigung einzusetzen. Sie wollen nicht länger „Machos sein müssen“, sie wollen „Menschen sein“.

Da es sich um ein Manifest der Grünen handelt, hat sich die Redaktion meiner Tageszeitung wohl nicht getraut, die Nachricht ebenso zu ignorieren wie zahlreiche vorhergehende, in denen von Initiativen von Männern berichtet wurde, die Männlichkeitskultur zu verändern. Unter der Überschrift „Von Feministen und Männerinnen“ setzt sie das Thema sogar auf die Titelseite und verunglimpft die Männer, die das Manifest geschrieben haben, mit beißendem Spott: Zitiert wird die „Manifest-AutorIn Sven Lehmann“, der Autor selbst meint, wenn er die Vorschläge so auf sich wirken lasse, fühle er sich schon „als Redakteurin“. Die Männer hätten es ja geduldig ertragen, dass sie seit Jahrzehnten von Frauen „durchgegendert“ worden seien, doch es sei ungewöhnlich, dass nun Männer ihresgleichen zu Männerinnen gendern wollten. Auch darüber, dass die Manifest-Autoren sich als „männliche Feministen“ bezeichnen, macht sich der Autor lustig, indem er fragt, warum sie sich nicht gleich als FeministInnen bezeichnen würden. Woher kommt diese heftige Reaktion?

Die Autoren des Männer-Manifests haben gegen die heiligsten Regeln der Zwangsmännlichkeit verstoßen. Diese besagt erstens, dass Männlichkeit möglichst in allem das Gegenteil von dem sein muss, was Frauen sind und tun, und zweitens, dass nicht von Frauen gelernt werden darf, (es sei denn, man kann es vor der Öffentlichkeit geheim halten und sich als Urheber einer Idee präsentieren). Spätestens in der Grundschule werden die Jungen, die sich noch an dem orientieren, was sie in ihren ersten Lebensjahren von ihren Müttern gelernt haben, durch ein Spott- und Gewaltsystem dazu gezwungen, sich von ihrer Sensibilität und ihrer in der Beziehung zur Mutter erworbenen Liebesfähigkeit zu verabschieden, ihren Körper abzuhärten, ihre weichen Gefühle abzutöten und all ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit in das einzige Organ zu verlagern, das sie nicht mit den Frauen gemeinsam haben.

Um ihren Söhnen das schulische Männlichkeitsmobbing zu ersparen, teilweise vielleicht auch aus Eifersucht auf die Nähe zwischen Müttern und Söhnen, fangen viele Väter schon früh an, ihre Söhne schmerzlich ihre körperliche Überlegenheit spüren zu lassen, sich mit ihnen in waghalsigen Unternehmungen oder in der Missachtung von Achtsamkeitsgeboten gegen die Mutter zu verbünden.

Als Lehrerin habe ich mich nach Kräften bemüht, in meiner Klasse diese gewaltsame Männlichkeitskur zu unterbinden. Einmal setzte ich sogar einen – immerhin demokratisch gewählten – Klassensprecher kurzerhand ab, weil er sich daran beteiligt hatte, mit mehreren anderen zusammen einen „schwachen“ Mitschüler zu drangsalieren. Dies beeindruckte die Jungen so sehr, dass sie noch in der 9. Klasse davon sprachen. Bei meinem Kampf fühlte ich mich allein auf weiter Flur, die männlichen Kollegen „durften“ ja nicht sehen, was sich vor ihren Augen abspielte, die weiblichen waren der Meinung, dass uns Frauen die Männlichkeitskultur nichts angehe, und hielten sich heraus. Auch meine Möglichkeiten endeten vor der Toilettentür und nach Schulschluss. Ich weiß, dass ich Erniedrigungen und Quälereien, auch sexueller Art, noch nicht einmal in meiner Klasse wirklich verhindern konnte.

Vor dreißig Jahren wurde eine meiner Drittklässlerinnen, die gut Fußball spielte, von den KollegInnen noch als „eigentlich kein Mädchen, sondern ein Junge“ bezeichnet. Ich widersprach und sagte, sie sei einfach ein Mädchen, das gut Fußball spiele. Zu Beginn der Frauenbewegung wurde die Disziplinierungsmethode, einer Frau oder einem Mädchen die Weiblichkeit abzusprechen, auch noch exzessiv angewandt, von Männern und von Frauen. Wir Feministinnen haben es geschafft, einen größeren kulturellen Freiraum für unser Frausein zu gewinnen, zu zeigen, dass verhandelbar ist, was Frausein bedeuten soll. Ich wünsche den Autoren des grünen Männer-Manifests und all den anderen männlichen Initiativen in dieser Richtung, dass sie sich von ihrem Vorhaben, auch für Männer den Freiraum für das zu erweitern, was Männlichkeit bedeuten soll, durch dumm-diffamierende Zeitungsartikel und ähnliches nicht abbringen lassen.

Rationalisierung

Gestern habe ich mich endlich dazu aufgerafft, die Komposterde unter dem Kompost herauszuholen und im Garten zu verteilen. In meiner Vorstellung ist das eine scheußliche Knochenarbeit. Nur der Wunsch, meinen Obstbäumen und Beerenbüschen frische Nahrung zu geben, aus Dankbarkeit für die leckere Marmelade, die ich jeden Tag esse, bringt mich dazu, diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Doch sobald ich gestern angefangen hatte, fiel mir wieder ein, dass die Arbeit ja gar nicht mehr scheußlich ist, seit ich aufgehört habe, sie auf rationelle, „ökonomische“ Weise durchzuführen.

Als ich vor sieben Jahren erstmals Komposterde ernten konnte, nahm ich den Spaten und eine große Schaufel, um erst einmal die ganze Erde herauszuholen, was sehr mühsam ist, da dies nur bei sehr gekrümmter Körperhaltung geht. In einem zweiten Arbeitsgang schaufelte ich die Erde dann in einen großen Gartensack und machte ihn so voll, dass ich ihn gerade noch den Weg hinunter bis zum anderen Ende des Gartens tragen konnte, wo das Gemüsebeet ist. Die Idee war, so wenige Wege wie möglich zu haben und mich vom weiter Entfernten zum Näheren hinzubewegen – die Beerenbüsche sind direkt neben dem Kompost. Ich ging also so rationell wie möglich vor. Da mein Rücken die Schlepperei nicht mitmachte, nahm ich im nächsten Jahr einen großen Eimer, wodurch ich natürlich öfter laufen musste. Deshalb schafften wir dann eine Schubkarre an, die aber nie zum Einsatz kam. Denn in der Zwischenzeit hatte ich begriffen, dass die vielen „unnötigen“ Wege mit dem Eimer mir viel besser bekommen als das Einsparen von Wegen und Arbeitsgängen.

Schon seit einigen Jahren arbeite ich nun auf eine Weise, die dem Rationalisierungsgedanken geradezu entgegengesetzt ist: Ich hole – mit einer kleinen Schaufel – jeweils nur so viel Erde unter dem Kompost heraus, wie in meinen kleinsten Garteneimer passt. In aller Ruhe suche ich Steine und verpuppte Nacktschnecken heraus und werfe sie auf den Weg, in der Hoffnung, dass Vögel oder andere Tiere die Schnecken in diesem Stadium noch fressen. Dann bringe ich das Eimerchen voll Erde zu den Pflanzen, denen ich es gerade geben möchte, meistens den Beerenbüschen zuerst, da ich ihnen am dankbarsten bin. Beim Gehen erholt sich mein Körper von der zusammengekrümmten Haltung am Kompost, der Eimer ist nicht allzu schwer, beim Rückweg freue ich mich an den blühenden Schlehen- und Forsythiensträuchern, an denen ich vorbeikomme. Erstaunlicherweise dauert es auch gar nicht so viel länger als mit der anderen Methode, bis ich alle Erde zu den Pflanzen gebracht habe, vielleicht vier Stunden statt drei.

Bis gestern hatte ich aber noch das Gefühl, dass meine Arbeitsweise so nicht in Ordnung ist, und der Gedanke, jemand könnte mich mit meinem kleinen Eimerchen voll Erde zum Gemüsebeet gehen sehen, war mir peinlich. So fest sitzt auch in mir noch die Überzeugung, dass Arbeiten Schufterei sein muss, die wehtut, bei der ich bis an die Grenzen meiner Kraft gehen muss oder darüber hinaus, um ja nicht „unökonomisch“ vorzugehen. Dass ich die Arbeit so schnell wie möglich hinter mich bringen muss, um dann in der Freizeit Freude, Genuss und „richtiges Leben“ zu haben. Gestern habe ich begriffen, dass ein Abschied von diesem Rationalisierungsdenken eine Voraussetzung ist, um unser Arbeits- und Wirtschaftleben so umzubauen, dass Arbeiten mit Freude und Sinn, manchmal sogar auch mit Genuss, möglich wird.