Wenn beim Erwachsenwerden der Übergang vom Beschenktwerden zum Tauschen nicht gelingt

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie das Geben und Nehmen im menschlichen Zusammenleben so gestaltet werden kann, dass Beziehungen gelingen und das Leben der Einzelnen freier, leichter, lebendiger und reicher wird. Meine These ist, dass es dafür wichtig ist, die kulturellen Formen des Schenkens und des Tauschens besser zu unterscheiden, als dies bisher üblich ist. Während ich in meinem Buch „Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe“ den Schwerpunkt darauf gelegt habe, auf die Nachteile hinzuweisen, die der Verlust der Kultur der Gabe, also das Bewusstsein von ihrer Bedeutung, mit sich bringt, so dass manche Leserinnen sogar meinten, ich wende mich gegen die Welt des Tausches und des Marktes zugunsten einer rückwärtsgerichteten Gabengesellschaft (was nie mein Anliegen war), sehe ich in den Zerstörungen und Plünderungen von Jugendlichen im Laufe dieses Jahres den deutlichen Hinweis darauf, dass es der Gesellschaft und den jungen Leuten schadet, wenn diese zu lange in der Welt der Gabe bleiben und keine Chance sehen, in die Welt des Tauschs aufgenommen zu werden.

In Interviews sagten junge Männer, die sich an den Plünderungen dieses Sommers in England beteiligt hatten, sie wollten doch eigentlich nur einen guten Job und würden sich ihre Wünsche dann gern mit dem selbst verdienten Geld erfüllen. Doch es sei ja aussichtslos, einen Job zu bekommen. Gerade gab es eine Serie über Jugendarbeitslosigkeit in Europa in meiner Tageszeitung. Während hier in Deutschland mit ca. 9 % Arbeit suchenden Jugendlichen alles noch recht normal zu sein scheint (was aber auch daran liegt, dass sie in immer längere Ausbildungen eingebunden sind, also auch nicht in die Welt des Tauschs eintreten), sind die Zahlen über Spanien, Italien, England, Frankreich und Griechenland so, dass man sich nicht mehr über die Wut und Verzweiflung wundert, die in den Zerstörungen und Plünderungen zum Ausdruck kommen: knapp 50% in Spanien, 40% in Griechenland, 30% in Italien, im Süden aber ebenfalls mehr als 40%, 20% in Großbritannien, in den Vorstädten oft weit über 30%, 23% in Frankreich, in den Vorstädten zwischen 40 und 50%. Da die jungen Leute in der Regel bei den Eltern wohnen bleiben, sind die meisten von ihnen nicht existenziell in Not. Doch sie bleiben in der Welt der Gabe ihrer Kindheit und sehen keine Möglichkeit, die Freiheit zu erleben, die die Welt des Tauschs mit sich bringt. Beispielsweise selbst zu entscheiden, wo und mit wem sie zusammenleben, was und wie viel sie arbeiten und was sie von dem Geld kaufen, das sie dabei verdienen.

Wo hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht, kann ich die Verzweiflung und Wut junger Menschen also durchaus nachvollziehen, wobei mir die gezielte Plünderung von Bekleidungs- und Elektronikläden schon zu denken gibt. Dahinter vermute ich die Haltung, man habe einen Anspruch darauf, bestimmte Konsumartikel, die zu Statussymbolen geworden sind, zu besitzen. Und wenn man sie nicht von den Eltern bekomme, nehme man sie sich eben mit Gewalt.

Die Überzeugung, einen Anspruch auf etwas zu haben, und dann mit Gewalt zu reagieren, wenn er nicht erfüllt wird, begegnete mir diesen Sommer auch bei jungen Leuten, die für ihre alternative Lebensform im Bauwagen schon vor zwei Jahren einen Platz im Eingangsbereich eines besonderen Stadtteils von Freiburg besetzt hatten – extrem teures Bauland – , was unter anderem deshalb so lange geduldet wurde, weil der erste Investor nach der Besetzung absprang und es einige Zeit dauerte, bis eine Bebauungsmöglichkeit gefunden wurde, die im Stadtteil eher befürwortet wurde als die ursprüngliche. Die Wagenleute taten in den zwei Jahren viel dafür, sich im Stadtteil Sympathien zu erwerben, vor allem durch kulturelle und politische Veranstaltungen auf „ihrem“ Platz. Deshalb bildete sich dann auch aus VertreterInnen des Stadtteils ein „Runder Tisch“, der in Gesprächen mit der Stadtverwaltung dafür eintrat, dass den jungen Leuten alternative Wagenplätze angeboten wurden. Das Ziel war, eine gewaltsame Räumung zu verhindern. Trotz großen Engagements des „Runden Tisches“ gelang es nicht, direkt im Anschluss an den Räumungstermin eine Alternative für die jungen Leute zu finden. Obwohl die Wagen zunächst friedlich abzogen – sie wollten auch eine Beschlagnahme der Wagen verhindern – kam es dann doch zu gewaltsamen Ausschreitungen mit brennenden Barrikaden, Sachbeschädigungen und Angriffen auf Polizisten und Passanten. Die Wagenleute selbst haben sich zwar von diesen Aktionen distanziert, aber es ist bis heute unklar, ob einzelne von ihnen nicht doch dazu eingeladen haben.

Woher kommt es, dass die jungen Leute, die nach der Räumung randalierten, der Meinung sind, sie hätten einen Anspruch darauf, dass ihnen Wagenplätze zur Verfügung gestellt werden müssten? Warum konnten sie nicht sehen, dass es ein Geschenk war, dass sie zwei Jahre lang für sehr wenig Geld in bester Wohnlage leben konnten?

Für mich ist eine solche Haltung die Folge eines Aufwachsens, bei dem die Ebene des Schenkens und des Tauschens permanent vermischt wurden. Natürlich ist es für Eltern selbstverständlich, dass sie ihrem Kind schenken, was es braucht und was es freut, solange es noch nicht für sich selbst sorgen kann. Doch Kinder sollten beim Größerwerden lernen, dass Geschenke nie etwas Selbstverständliches sind. Um Geschenke kann man bitten, aber man hat keinen Anspruch darauf und kann sie deshalb auch nicht einfordern. Anspruch habe ich nur dann auf etwas, wenn ich mich auf der Ebene des Tauschs bewege, wenn ich entsprechend einer Vereinbarung für etwas, was ich gebe oder arbeite, eine Gegenleistung einfordern kann und muss. In unserer Kultur lernen Kinder jedoch im Elternhaus, vor allem aber durch Medien und Werbung, von Klein auf, dass sie ein Recht haben, ohne Gegenleistung dies und jenes zu bekommen, auch eine bestimmte Menge Geld, das Tauschmittel per se. Da nur wenige die Gelegenheit haben, im Rahmen ihres Älterwerdens auch immer mehr Tauschakte zu vollziehen, bleibt die Haltung, alles bekommen zu müssen, bis weit ins junge Erwachsenenalter hinein bestehen. Und dann liegt es doch nahe, mit Wut und Gewalt zu reagieren, wenn Wünsche, die aber als berechtigte Forderungen erlebt werden, nicht erfüllt werden.

Ich erinnere mich, dass ich es als Jugendliche auch lange selbstverständlich fand, bestimmte Dinge bezahlt zu bekommen: die Tanzstunde, die gemeinsamen Urlaube, den Führerschein. Und das, obwohl mir ständig Dankbarkeit gepredigt worden war und ich keinerlei Mitspracherecht hatte bei dem, was für mich gekauft wurde. Erst nachdem ich in die „Welt des Tauschs“ eingetreten war, die ersten bezahlten Jobs erlebt hatte, konnte ich wertschätzen, was mir da geschenkt worden war. Der Übergang von der Welt des selbstverständlichen Versorgtwerdens zum Sorgen für sich selbst, was bei unserer Lebensweise nur mithilfe des warenförmigen Tauschs möglich ist, ist wahrscheinlich schon per se nicht einfach. Umso wichtiger ist es, ihn nicht noch zusätzlich zu erschweren oder gar unmöglich zu machen.

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9 Kommentare zu “Wenn beim Erwachsenwerden der Übergang vom Beschenktwerden zum Tauschen nicht gelingt

  1. Liebe Dorothee, Danke für Deine Gedanken über dieses wichtige Thema.Ich sehe und spüre dies auch so.Wenn man/Frau in Beziehungen lebt die glücklich sind, so erfährt man diese Haltung, von ineinander und auseinander,von kommen und gehen,von Neugeburt.Unser matrialistisches Denken und Leben ist nichts dabei.So sei es…Pantha Rhei! Es grüsst: Gré Stocker-Boon

  2. Ganz, ganz schlimmer Artikel. Tauschen ist das Gegenteil von emanzipiertem Miteinander. Das bei uns nur Kinder teilweise in den Genuss einer bedingungslosen Existenz kommen ist kein Feature sondern ein Bug. Warum hat irgendwer mehr Recht auf eine „beste Wohnlage“ als die Menschen in den Bauwägen? Weil sich irgendwer diesen Grund mal gewaltsam angeeignet hat, nicht mehr und nicht weniger. Der Tausch ist nichts als der heutige Ausdruck gewaltsamer Aneignung der Vergangenheit. Und zum Tauschen gezwungen zu sein ist nichts anderes als Unterdrückung.

  3. Vielen Dank für diese Ausführungen, welche mich daran erinnern, wie ich selber in meinen jüngeren Jahren es als ausgesprochen ungerecht empfand, dass die einen sich alles kaufen können, was sie sich wünschen und die anderen zum vornherein schon wissen, dass sie sich nur wenige, und nur bescheidene, Wünsche selber erfüllen können. Das erzeugt tatsächlich innere Wut über Ungerechtigkeit im Allgemeinen und nagt ausserdem am Selbstwertgefühl, verführt, je nach Veranlagung, die einen zum heimlichen Klauen und die anderen eben dazu, sich mit Gewalt zu verschaffen, was sie haben wollen.
    Eltern und Erzieher haben einen grossen Anteil an Fehlentwicklungen, indem sie es versäumen, den Kindern und Jugendlichen beizubringen, dass nicht alle Wünsche von jetzt auf gleich (oder grundsätzlich!) erfüllt werden ‚müssen‘.
    Und auch indem sie vorleben, dass sie nicht davor zurückscheuen, sich mit voller Kraft und Herzblut dafür einzusetzen, dass sie sich eigene Wünsche durch entsprechende Anstrengung selber erfüllen können, mit Betonung auf selber, weil vielfach auch die Erwartungshaltung andern gegenüber ganz selbstverständlich die Oberhand hat.

  4. Warum sich mit politischer Ökonomie beschäftigen, wenn es doch einfache psychologische Erklärungen geben kann: Die „jungen Menschen“ sind in einer infantilen Entwicklungsstufe stehengeblieben. Sie konnten sich vom Elternhaus nicht abnabeln. Jetzt erwarten sie, weiterhin alles geschenkt zu bekommen. Dabei sollten sie doch endlich mal den Weg in die Welt des Tauschs, die Welt der Erwachsenen, finden.

    Kein Wort davon, dass die „Welt des Tauschs“ in ihrer kapitalistischen Ausprägung aktiv so strukturiert wird, dass Einkommen von unten nach oben fließt. Dass sie dabei zunehmend „überflüssige Menschen“ erzeugt, die für die Erzielung von Profiten nicht mehr gebraucht werden, und deshalb zunehmend von Erwerb und Konsum ausgeschlossen sind. Ja, dabei sind viele junge Menschen.

    Handeln die Plünderer also nicht instinktiv richtig, wenn sie die unfairen Regeln dieser Tauschwelt misachten und sich die quasi im Überfluss vorhandenen Waren einfach nehmen? Ich möchte die Plünderungen nicht glorifizieren, sie ein beunruhigendes Indiz für den Zusammenbruch gesellschaftlicher Solidarität, aber diese Solidarität wurde von oben aufgekündigt, und jetzt sehen wir die Resultate.

    Ich glaube nicht, dass es deine Absicht war, altklug und bevormundend zu klingen, aber so kommt es für mich herüber. Hier kam bei der Beschäftigung mit dem „Geben und Nehmen“ anscheinend ein paternalistisches (maternalistisches?) Verständnis von Gesellschaft und sozialen Konflikten heraus. Diese werden mit den Begriffen Familie, Lebensalter, Eltern, Kinder usw. interpretiert und psychologisiert. Eine Analyse des real existierenden Kapitalismus mit seiner ungleichen Verteilung von Reichtum und Macht fehlt (bewusst?).

    • Auch ohne eine allseits bekannte „politische Ökonomie“ nachbeten zu müssen, stoße ich beim Thema Tausch auf die Einschränkungen der Freiheit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen: Zur Freiheit des Tauschs gehört die freie Entscheidung, ob ich überhaupt tauschen will, mit wem und unter welchen Bedingungen. Diese Freiheit hat die Mehrheit der Menschen im Kapitalismus nur eingeschränkt, da wir zum Tauschen gezwungen sind, um das Lebensnotwendige zu bekommen. Trotzdem gehört diese Freiheit zum Tausch, und daraus ergeben sich politische Spielräume, die reine Gabesituationen nicht bieten, da man über Geschenke nicht verhandeln kann. Wenn diese Spielräume besser genutzt werden, ergeben sich konkrete Veränderungsmöglichkeiten anstelle der nur utopischen, zu denen uns Theorien von den idealen Folgen eines gewaltsamen Umsturzes der Eigentumsverhältnisse führen. Als Einstieg in einen Umbau unserer Wirtschaftsverhältnisse halte ich die Einführung eines Grundeinkommens für einen vielversprechenden Weg, da es wirklich freies Tauschen erleichtern könnte.

  5. Die anderen Kommentare konnte ich durch die, vollkommen verständliche manuelle Freischaltung en block, erst nach meinen Kommentar lesen. Daher noch hinterher: ich bin ein schlichterer Gesell und erlaube mir (vorläufige) eigene Meinung, ohne mich mit dem Thema wie Öknomomie wirklich aus zu kennen. (So ist das Volk zuweilen ;-))

    Wenn hier von Grundrechten gesprochen wird, denke ich immer einfach gestrickt: Recht vor wem? Und wer soll diesem Recht nachkommen damit man diesem Recht gerecht wird? Einer ist dann immer in die Bringschuld gesetzt mit einem eingefordertem Recht. Unabhängig seiner eigenen Freiheit.

    Das finde ich auch durchaus in vielen Fällen in Ordnung, denn dafür bekommt der das Recht Gewährende ja auch wieder etwas. Das nenne ich dann einen Tausch.

    Im übrigen bekommen Kinder auch nicht alles geschenkt, es wird ihnen zuweilen nur vielleicht zu billig gemacht. Eltern tauschen „Ruhe“ gegen angebliche „Geschenke“ ein und begeben sich da in eine Inflation.

  6. Liebe Dorothee, ich habe eine Frage zu deiner These, dass Kinder in der Welt der Gabe leben. Ich habe den Eindruck, dass das im Verhältnis zu den Eltern zum grossen Teil stimmt (nicht bei allem), aber dass das Verhältnis der Kinder untereinander durchaus von Tausch geprägt ist. Allerdings nicht unbedingt vom Tauschen von Gegenständen. „Wenn du mir hilfst, über diese Mauer zu klettern, dann zeige ich dir, wie man….“ ist eine Struktur, die ich oft höre und sehe. Das ist doch auch Tausch, oder? Oder meinst du spezifisch den Tausch, der dann zum Kauf wird, also wirklich den Tausch, der den Eintritt als KäuferIn in die kapitalistische Warenwelt bzw den „freien Markt“ erlaubt? Der Tausch unter Kindern und Jugendlichen sollte doch eigentlich auch eine Chance bieten, nicht alles selbstverständlich als Geschenk zu nehmen…
    liebe Grüsse
    Caroline

  7. Liebe Caroline, natürlich gibt es ein Kontinuum zwischen Schenken und Tauschen, da beides Ausprägungen des Gebens und Nehmens im menschlichen Zusammenleben sind. Das Tauschen im Nahbereich gehört für mich aber zur Welt der Gabe – ich nenne es „Austausch“ – , da es nach den Gabe-Regeln abläuft. Wenn ich meinen FreundInnen beispielsweise für die Hilfe beim Umzug ein Essen verspreche, werde ich einer Freundin, die nur eine Stunde hilft, deshalb nicht nur einen Teil des Essens geben. Auch werde ich nicht Nachbesserung verlangen, wenn die Freundinnen die schweren Möbel in das falsche Zimmer getragen haben und dann gehen müssen. Und ich erzwinge eine Nachbesserung schon gar nicht über öffentliche Rechtsinstanzen. Ich vermute, dass deine Beispiele über das Tauschen unter Kindern auch eher Geschenkecharakter haben, dass keine machtvolle Instanz zu Hilfe gerufen wird, wenn das Vereinbarte von einem der Kinder nicht erfüllt wird. Aber es kann auch anders sein, je nach Situation. Und auf jeden Fall hast du Recht, dass Kinder auf diese Weise das Tauschen einüben. Doch im Rahmen dessen, dass sie selbstverständlich mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden.

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