„Manchmal muss man kämpfen, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck“

Letzte Woche unterstützte ich per Internetclick einen Aufruf an die UNO, sich für die Einrichtung einer No-Fly-Zone über Libyen einzusetzen. Erstaunlicherweise machte ich mir keine Gedanken darüber, dass ein solches Flugverbot auch durchgesetzt werden muss und dass dafür Gewalt angedroht und wahrscheinlich auch eingesetzt werden würde. Inzwischen wird schon bombardiert.

Als ich dann hörte, dass Deutschland sich bei der Verabschiedung der Resolution enthalten und klar gesagt hatte, sich nicht militärisch an dieser Sache zu beteiligen, war ich einerseits erleichtert, andererseits fühlte ich mich aber auch ziemlich schlecht dabei: Gedanken wie „die Menschen in Libyen in ihrem Kampf gegen einen gewalttätigen, skrupellosen Diktator im Stich lassen“, „mitverantwortlich sein für weitere Morde“, „Drückebergerei“, „Feigheit“ und „Andere den Kopf hinhalten lassen“ erinnerten mich daran, wie oft ich mich schon geschämt habe, weil ich nicht mutiger einem Unrecht entgegengetreten bin. Beispielsweise in meiner Kindheit, wenn meine ältere Schwester meinem jähzornigen Vater die Stirn bot, obwohl klar war, dass gleich Schläge auf sie herunterprasseln würden. Damals war ich meistens inhaltlich auf ihrer Seite und wünschte doch inständig, sie möge nachgeben und ja und amen sagen, wie ich es in vergleichbaren Situationen immer tat. Weder meine Mutter noch ich haben jemals gewagt, meine Schwester zu unterstützen, womit wir das Prügeln vielleicht hätten verhindern können. Sie hat uns das – zu Recht – wohl nie verziehen.

Dass neben Frankreich wieder einmal England und die USA sofort zum Militäreinsatz entschlossen waren, erinnerte mich daran, dass der Kampf der USA auf Seiten der Alliierten gegen Hitlerdeutschland auch unser Land einmal unter großen Opfern von einer verbrecherischen Diktatur befreit hat, wofür ich schon dankbar bin. Während ich innerlich ständig hin und her schwankte, wie ich die Entscheidung unserer Regierung nun finden sollte – auch in der SPD und bei den GRÜNEN gingen die Meinungen ja auseinander – besuchte ich meinen 93-jährigen Onkel, der trotz jahrelanger CDU-Mitgliedschaft immer wieder davon spricht, dass durchaus nicht alles schlecht gewesen sei, was Hitler getan hat. Ich stellte ihm eine Frage, über die ich erstaunlicherweise noch nie vorher nachgedacht hatte: Was wäre denn möglicherweise geschehen, wenn die USA damals nicht in den Krieg eingetreten wären? Ich dachte an andere Diktaturen, bespielsweise die in Spanien oder in Chile, wo ein Eingreifen von außen nicht stattfand oder nicht die Befreiung brachte. Aus meiner Frage ergab sich ein Gespräch zwischen meinem Onkel und mir, wie es uns noch nie gelungen ist. Zum ersten Mal konnte ich ihm wirklich zuhören, was nicht heißt, dass wir einer Meinung waren. Doch schließlich sprach er über die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Kriegen, was ich von ihm niemals erwartet hätte.

Die ganze Zeit geht mir der Satz aus dem Kinderbuch von Astrid Lindgren „Die Brüder Löwenherz“ nicht aus dem Kopf, den ich als Überschrift für diesen Artikel gewählt habe: Es gibt Dinge, die man tun muss, selbst wenn sie gefährlich sind, „weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck“ (Lindgren, Hamburg 1973, S.56). Obwohl es den Menschen in seinem Tal gut geht, bricht Jonathan, der Ältere der Brüder, mit dieser Begründung ins Nachbartal auf, wo die Menschen grausam unterdrückt werden, um dort für Befreiung zu kämpfen. Obwohl er niemals töten wollte, greift er schließlich – nicht im Buch, aber im Film – doch zur Waffe. Nach demselben Muster ist die Neuverfilmung von „Alice im Wunderland“ gestrickt, obwohl die Geschichte im Original ganz anders ist. Wird hier schon Kindern etwas nahegebracht, was dazu führen soll, dass sie später zu als notwendig deklarierten Kampfhandlungen ihre Zustimmung geben werden? Werden sie so darauf vorbereitet, später einmal an einem Militäreinsatz in einem fremden Land teilzunehmen?

Ich glaube schon, dass man manchmal kämpfen muss, um „ein Mensch zu sein und kein Häuflein Dreck“, doch es gibt sehr viele Möglichkeiten zu kämpfen, ohne Gewalt einzusetzen.

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3 Kommentare zu “„Manchmal muss man kämpfen, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck“

  1. Ich glaube, der Unterschied liegt wirklich in der kleinen Veränderung, die an dem Zitat vorgenommen wurde. Es macht eben einen Unterschied, ob „ein Mensch sein“ (und kein Häuflein Dreck) darüber definiert wird, ob man sich selbst in Gefahr bringt, oder ob man kämpft, womöglich auf eine Weise, die einen selbst praktisch nicht in Gefahr bringt (aus der Luft). Das gleiche gilt für deine Schwester: sie hat mutig den Mund aufgemacht, aber sie hat nicht zur Gewalt gegriffen. Das macht einen Unterschied.

    Ich weiß nicht, ob der Vergleich mit Hitler-Deutschland passt. Es gab keine revolutionäre Bewegung in Deutschland, die unterstützt werden sollte. Die meisten Menschen in Deutschland unterstützten Hitler – vielleicht nicht mehr zu Kriegsende, aber mehr, weil er den Krieg verloren, nicht weil er ihn begonnen hat (von den anderen Verbrechen zu schweigen.) Der Krieg gegen Deutschland war ein klassischer Verteidigungskrieg – man wehrte sich gegen ein Land, das einen angegriffen hatte. Deutschland wurde nicht befreit, sondern besiegt. (Ich bin sehr froh, dass es besiegt wurde, und ich bin auch froh über die Demokratie, die die Konsequenz dieses Krieges ist.)

    Die Situation in Libyen ist m.E. eine andere. Hier greift der Westen in eine Revolution ein, die zu scheitern droht. Einerseits wünsche ich ein Ende der Herrschaft Gaddafis wie andere auch, andererseits sehe ich diverse Gefahren, sowohl für uns, als auch für die Befreiungsbewegung selbst. Aus Sicht des Westens sehe ich die Gefahr, dass wir uns auf die Seite einer Bewegung stellen, die wir gar nicht genau kennen. Viele von ihnen mögen wirklich den Sturz Gaddafis und den Wunsch nach Demokratie im Sinn haben – andere nicht (etwa diejenigen, die bis vor kurzem noch in hoher Position für Gaddafi arbeiteten.)

    Aus Sicht der Befreiungsbewegung sehe ich die Gefahr, dass sie jetzt, falls sie gewinnt, ihren Sieg der Unterstützung des Westens verdanken wird, nicht der Zustimmung der eigenen Leute und der Fähigkeit, die Armee dazu zu bringen, die Seite zu wechseln (wie es in Tunesien und Ägypten geschehen ist). Und dadurch, dass sie vom Westen unterstützt ist, besteht die Gefahr, dass der Westen am Ende dafür sorgt, dass die Teile der Befreiungsbewegung, die ihm am meisten genehm sind, am Ende an die Macht kommen. (Und als jemand, die selbst zum Westen gehört, denke ich, dass es dies durchaus okay ist – ich möchte nicht, dass Islamisten oder Menschen, die Israel zerstören möchten, unterstützt werden.)

    Ich habe gerade das Buch „Macht und Gewalt“ von Hannah Arendt aus dem Schoß liegen. Mir scheint, dass es in dem Aufstand in Libyen (den ich kaum noch eine Revolution nennen will) irgendwann einen Umschwung gegeben hat: Man vertraute nicht mehr auf Macht, die Fähigkeit sich zusammenzuschließen und gemeinsam etwas zu erreichen, sondern auf Gewalt (schon vor der Errichtung der Flugverbotszone).

    Es fällt mir schwer, mich für ein bestimmtes Zitat zu entscheiden – ich wähle eines auf Seite 78 und eines auf Seite 79 (Piper Taschenbuch-Ausgabe):

    Da Gewalt ihrem Wesen nach instrumental ist, ist sie in dem Maße rational, als sie wirklich dazu dient, den Zweck, der sie rechtfertigen muss, zu erreichen. Und da Menschen, wenn sie zu handeln beginnen, niemals wissen oder wissen können, was sie tun bzw. was schließlich die Folgen ihre Tuns sein werden, ist Gewalttätigkeit in dem Maße rational, nämlich den Grundbedingungen menschlicher Existenz adäquat, als sei kurzfristige Ziele verfolgt.

    Die Gefahr der Gewaltlosigkeit, selbst wenn sie sich bewusst im Rahmen kurzfristiger Ziele hält, bleibt bestehen. Sie liegt darin, dass, wie man gemeinhin sagt. nicht der Zweck die Mittel, sondern die Mittel den Zweck bestimmen. Werden die Ziele nicht schnell erreicht, so ist das schließliche Resultat nicht nur die Niederlage, sondern das Überhandnehmen von Gewalttätigkeit in allen Bereichen des politischen Lebens.

    Merkel und Westerwelle argumentieren nicht pazifistisch, außer dass sie den Deutsche einen Krieg ersparen wollen. (Nicht den Libyern, die unter Kollateralschäden oder unter Gaddafis erhöhter Brutalität zu leiden haben.) Aber selbst diese „pragmatische“ (oder eigennützige Argumentation) ist nicht unberechtigt – mir scheint, dass sich der Westen ziemlich spontan in dieses Abenteuer gestürzt hat. Was, wenn es nicht funktioniert? (In den Kriegen in Jugoslawien haben Flugverbotszonen auch nicht besonders gut funktioniert.) Ich sehe viel guten Willen, irgendwie etwas zu tun, aber keinen klaren Plan.

    Ich bin sehr skeptisch. Ich wünschte, man hätte sich auf nichtmilitärische Mittel beschränkt. Aber vielleicht war es tatsächlich in dem Moment zu spät, in dem die Auseinandersetzung im wesentlichen zu einer militärischen Auseinandersetzung wurde.

    • Danke, @susanna 14, für dieses Kommentargeschenk und dafür, dass du die Denkarbeit gemacht hast, die mir nicht möglich war, solange ich mich auf der emotionalen Ebene meines diffusen Unbehagens und alter Schuldgefühle aufhielt. In allem, was du schreibst, kann ich dir nur zustimmen. Das Zitat der Überschrift hatte ich so im Kopf, vielleicht aus einem Theaterstück oder dem Film, vielleicht hatte ich es auch selbst so verändert. Als ich es dann in Lindgrens Buch überprüfte, war ich sehr überrascht, dass es dort nicht um „Kämpfen“ ging und schon gar nicht um den Einsatz von Gewalt dabei.

  2. Pingback: Und plötzlich bin ich Realistin | susanna14

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