Zwangs“männlichkeit“

Einige grüne Männer haben ein „Männer-Manifest“ geschrieben. Ausgehend von der Tatsache, dass Männer im Schnitt sechs Jahre früher sterben als Frauen, stellen sie die männliche Kultur der Abhärtung gegen Schmerzen, der permanenten Überlastung und der Ignoranz gegenüber körperlichen Signalen in Frage. Sie plädieren dafür, Macht abzugeben, sich Schwäche zuzugestehen, Arbeitszeiten zu reduzieren, Verantwortung und Pflichten zu teilen, sich für Entschleunigung einzusetzen. Sie wollen nicht länger „Machos sein müssen“, sie wollen „Menschen sein“.

Da es sich um ein Manifest der Grünen handelt, hat sich die Redaktion meiner Tageszeitung wohl nicht getraut, die Nachricht ebenso zu ignorieren wie zahlreiche vorhergehende, in denen von Initiativen von Männern berichtet wurde, die Männlichkeitskultur zu verändern. Unter der Überschrift „Von Feministen und Männerinnen“ setzt sie das Thema sogar auf die Titelseite und verunglimpft die Männer, die das Manifest geschrieben haben, mit beißendem Spott: Zitiert wird die „Manifest-AutorIn Sven Lehmann“, der Autor selbst meint, wenn er die Vorschläge so auf sich wirken lasse, fühle er sich schon „als Redakteurin“. Die Männer hätten es ja geduldig ertragen, dass sie seit Jahrzehnten von Frauen „durchgegendert“ worden seien, doch es sei ungewöhnlich, dass nun Männer ihresgleichen zu Männerinnen gendern wollten. Auch darüber, dass die Manifest-Autoren sich als „männliche Feministen“ bezeichnen, macht sich der Autor lustig, indem er fragt, warum sie sich nicht gleich als FeministInnen bezeichnen würden. Woher kommt diese heftige Reaktion?

Die Autoren des Männer-Manifests haben gegen die heiligsten Regeln der Zwangsmännlichkeit verstoßen. Diese besagt erstens, dass Männlichkeit möglichst in allem das Gegenteil von dem sein muss, was Frauen sind und tun, und zweitens, dass nicht von Frauen gelernt werden darf, (es sei denn, man kann es vor der Öffentlichkeit geheim halten und sich als Urheber einer Idee präsentieren). Spätestens in der Grundschule werden die Jungen, die sich noch an dem orientieren, was sie in ihren ersten Lebensjahren von ihren Müttern gelernt haben, durch ein Spott- und Gewaltsystem dazu gezwungen, sich von ihrer Sensibilität und ihrer in der Beziehung zur Mutter erworbenen Liebesfähigkeit zu verabschieden, ihren Körper abzuhärten, ihre weichen Gefühle abzutöten und all ihre Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit in das einzige Organ zu verlagern, das sie nicht mit den Frauen gemeinsam haben.

Um ihren Söhnen das schulische Männlichkeitsmobbing zu ersparen, teilweise vielleicht auch aus Eifersucht auf die Nähe zwischen Müttern und Söhnen, fangen viele Väter schon früh an, ihre Söhne schmerzlich ihre körperliche Überlegenheit spüren zu lassen, sich mit ihnen in waghalsigen Unternehmungen oder in der Missachtung von Achtsamkeitsgeboten gegen die Mutter zu verbünden.

Als Lehrerin habe ich mich nach Kräften bemüht, in meiner Klasse diese gewaltsame Männlichkeitskur zu unterbinden. Einmal setzte ich sogar einen – immerhin demokratisch gewählten – Klassensprecher kurzerhand ab, weil er sich daran beteiligt hatte, mit mehreren anderen zusammen einen „schwachen“ Mitschüler zu drangsalieren. Dies beeindruckte die Jungen so sehr, dass sie noch in der 9. Klasse davon sprachen. Bei meinem Kampf fühlte ich mich allein auf weiter Flur, die männlichen Kollegen „durften“ ja nicht sehen, was sich vor ihren Augen abspielte, die weiblichen waren der Meinung, dass uns Frauen die Männlichkeitskultur nichts angehe, und hielten sich heraus. Auch meine Möglichkeiten endeten vor der Toilettentür und nach Schulschluss. Ich weiß, dass ich Erniedrigungen und Quälereien, auch sexueller Art, noch nicht einmal in meiner Klasse wirklich verhindern konnte.

Vor dreißig Jahren wurde eine meiner Drittklässlerinnen, die gut Fußball spielte, von den KollegInnen noch als „eigentlich kein Mädchen, sondern ein Junge“ bezeichnet. Ich widersprach und sagte, sie sei einfach ein Mädchen, das gut Fußball spiele. Zu Beginn der Frauenbewegung wurde die Disziplinierungsmethode, einer Frau oder einem Mädchen die Weiblichkeit abzusprechen, auch noch exzessiv angewandt, von Männern und von Frauen. Wir Feministinnen haben es geschafft, einen größeren kulturellen Freiraum für unser Frausein zu gewinnen, zu zeigen, dass verhandelbar ist, was Frausein bedeuten soll. Ich wünsche den Autoren des grünen Männer-Manifests und all den anderen männlichen Initiativen in dieser Richtung, dass sie sich von ihrem Vorhaben, auch für Männer den Freiraum für das zu erweitern, was Männlichkeit bedeuten soll, durch dumm-diffamierende Zeitungsartikel und ähnliches nicht abbringen lassen.

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7 Kommentare zu “Zwangs“männlichkeit“

  1. Pingback: Echte Männer | Die Gefühlskonserve

  2. Wie kommt es, dass diese Männer-Manifeste, die es schon seit den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts gibt, keine wesentliche Konsequenz hinterlassen haben – jedenfalls nicht im alltäglichen Umgang? Ob sich die Gesellschaft schon verändert hat, kann ich nicht beurteilen.

  3. Danke für diesen sehr klugen und scharf beobachteten Kommentar! In der Tat: Das Infragestellen des Zwangs zur Männlichkeit kommt einem Stechen ins berühmte Wespennest gleich. Die breiten Reaktionen zeigen die Notwendigkeit dieser längt überfälligen Debatte. Indes: Gedemütigte, entrechtete Maskulisten rüsten schon dagegen auf, wie die über 600 Kommentare in unserem Blog zeigen. Daher umso mehr: Danke!

  4. Ich finde zu diesem Thema das neue Buch von Ute Scheub höchst spannend „Heldendämmerung“. Es beschreibt genau die Zwangsjacken, die Männer sich selbst anziehen, wenn sie Macht verlieren. Es wird wohl noch lange dauern, bis die Männerbewegung so viel Fahrt aufgenommen hat, um die tatsächlichen Ungleichheiten beseitigen zu wollen, statt die Frauen wieder auf alte Plätze wieder zu verweisen. Ich denke die Gesellschaft funktioniert dauerhaft nur nach dem altmodischen Küchenwaagenprinzp: Ausgleich. Ein Übergewicht auf einer Seite bedeutet Stillstand.

  5. Klasse Beitrag! Trifft genau meinen Standpunkt. Und das Engagement im Hinblick auf Jungs, die sich männlich sehen wenn sie einen schwächeren schikanieren, das habe ich zu meiner Schulzeit auch noch beobachten können und ist ein Kolateralschaden traditioneller Männlichkeit, der auch das Erwachsenenleben mitprägt oder die Situationen in militärischen Zwangssystemen.

  6. Dorothee, Sven,

    ich denke auch, daß diese Debatte *mehr* als überfällig ist. Aber ich denke nicht, daß sie auf Basis dessen, was im Manifesto angesprochen wird, zu haben ist. Dagegen sprechen aus meiner Sicht drei Dinge: Zum einen der feministische Anspruch der Diskurshegemonie in Bezug auf alles, was mit „Geschlecht“ zusammen hängt – das äußert sich dann zum einen in digitalem Rumgetrolle und zum anderen vor allem in Ignoranz des Themas. Letzteres spielt auch in das zweite Problem hinein: Männer können mit diesem Diskurs zwar viel für sich gewinnen, aber auch verlieren. Der klassische Männlichkeitsdiskurs ist ja in weiten Bereichen einer, der auf die impliziten Präferenzen von Frauen ausgerichtet ist. Gerade was das Sexuelle betrifft. Das Gefühl Stärke demonstrieren zu müssen, kommt doch nicht von irgendwoher – das kommt daher, daß Männer im Regelfall nicht das Gefühl haben „gewollt“ zu werden, und deswegen für eine soziale Struktur eintreten, in der sie zumindest „gebraucht“ werden. Die existenzielle Angst, die Männer heute erleben, kommt allerdings bisher nirgendwo – auch nicht in dem Manifesto, das sich in seiner Axiomatik ja nur marginal von klassischen second wave „Softie“-Papieren unterscheidet – zum Ausdruck, die eine männliche Perspektive ja geradezu explizit negieren. Und damit sind wir beim Dritten Punkt, der wieder in den ersten greift: Es ist toll, daß solche Anstöße immer wieder von den Grünen kommen. Aber sie müssen aus dem Grünen Refugium heraus um gesellschaftlich wirksam zu werden, und Grüne Männer sind wg. ihrer innerparteilichen formalen Diskriminierung eben immer leicht anzugreifen. Das ist sicher ein wenig unfair, aber kaum zu vermeiden. Diese Debatte kann nicht ohne Frauen geführt werden, aber sie kann nicht auf einem von Frauen dominierten Spielfeld geführt werden. Wer an einer guten, harten – unpolitischen – Debatte zum Thema interessiert ist, der mag sich diesen – US-amerikanischen – Thread ansehen:

    http://clarissethorn.wordpress.com/2009/12/09/manliness-and-feminism-the-followup

  7. Pingback: Maedchenmannschaft » Blog Archive » Gefunden in den Blogs

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