Was politisch ist und was nicht

In ihrem neuesten Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ (Potere e politica non sono la stessa cosa) bemühen sich die Diotima-Philosophinnen um eine noch genauere Unterscheidung zwischen dem wirklich Politischen und dem Machtpolitischen. Damit wollen sie dazu beitragen, aus der Verwirrung zwischen beidem herauszukommen, die dazu führt, dass Politik immer mehr als etwas Jämmerliches, Lächerliches und Armseliges wahrgenommen wird.

Mir haben an diesem Buch vor allem die schönen Formulierungen und Bilder Freude gemacht, die die Denkerinnen aus Verona gefunden haben, um das Politische zu beschreiben. Dabei ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie viel mir die Politik bzw. das Politischsein bedeutet.
Besonders bei Chiara Zambonis Beitrag ging mir das so. Sie schreibt: „Es ist die Welt, die mich interessiert. Die Welt aller, die uns miteinander verbindet. Wenn ich von mir spreche, spreche ich also von der Welt, von diesem besonderen Platz aus, den einzunehmen mir gegeben ist. […] Das Begehren nach Politik ist für mich ein leichtes Gepäck, das mich überall hin in meinem Leben begleitet hat und das ich mitnehmen kann, wohin ich will. Es hat keinen festgelegten und vorherbestimmten Platz. Aber wenn ich es nicht bei mir habe, fühle ich mich sehr, sehr unglücklich. […] Das Begehren nach Politik hat sich in meinem Leben ereignet, ohne dass ich es gewählt habe.“ (S. 113).

In dem, was Politik nicht ist, ist Zamboni sich einig mit ihrer „Weggefährtin“ Hannah Arendt. Sie bezieht sich beispielsweise auf deren Text „Was ist Politik?“. Arendt zufolge ist Politik etwas ganz anderes als das, was die übliche Definition davon behauptet: Eine Beziehung zwischen Regierten und Regierenden mit allen institutionellen Vermittlungen dieser Beziehung wie die Gewaltenteilung, die Repräsentation, die Formen der Kontrolle usw. Auch die Beschäftigung mit den menschlichen Bedürfnissen ist für Arendt nicht das Wesentliche der Politik. Politisch ist es dagegen, sich mit anderen auseinanderzusetzen und mit anderen zusammen zu handeln, um sinnvoll in der Welt leben zu können. Politik ist kein Mittel, um bestimmte Ziele zu erreichen, sie hat einen Wert in sich selbst und nicht im Hinblick auf etwas anderes (S. 115).

Für die Verstricktheit von Politik und Macht findet Chiara Zamboni ein Bild, das mir sehr einleuchtet: Es ist ein Schachbrett, auf dem gleichzeitig Schach und Dame gespielt wird. Beim Damespiel bewegt sich jede Figur frei auf dem Brett, während beim Schachspiel die Züge für die jeweiligen Figuren festgelegt sind. Die „Damen“ spielen die Politik frei und gleichzeitig in Bindung aneinander. Dagegen bewegen sich die Schachspieler in der Logik, dass sie jede Aktion, auch die der „Damen“ , so interpretieren, als handle es sich um den Zug eines Pferdes, eines Bauern oder einer Königin. Das heißt, sie interpretieren aus der Logik der Macht heraus, in der jede Figur eine bestimmte Position in der Hierarchie und nur die Handlungsmöglichkeiten hat, die dieser Position entsprechen. Die Schwierigkeit besteht also darin, dass jede Handlung einer Damespielerin von denen, die Schach spielen, als ein Zug im Schachspiel interpretiert wird. Das Politische an ihrer Handlung wird nicht von ihnen wahrgenommen. Noch schwieriger wird das Ganze dadurch, dass auch die Damespielerinnen das, was sie vor sich sehen, oft selbst nach den Kategorien des Schachspiels interpretieren. Uns allen fällt es immer wieder schwer, wahrzunehmen, dass die einzelnen Frauen und Männer, die sich in den Hierarchien der Macht aufhalten, nie ganz in den festgelegten Rollenmustern aufgehen, zu denen sie durch ihre Position genötigt werden. Genau darauf, dass sie auch noch etwas anderes sind, können wir uns aber stützen, um sie zum Dame-Spiel einzuladen (S.121/122).

Aus Luisa Muraros Beitrag nahm ich vor allem die Erkenntnis mit, dass Politik dann in Macht umkippt, wenn aufgehört wird, nach Vermittlungen zu suchen oder an besseren Vermittlungen zu arbeiten. Wer Machtmittel zur Verfügung hat, ist leichter verführbar, sich die Mühe zu ersparen, sich mit den jeweiligen anderen Beteiligten einer Situation in Beziehung zu setzen und nach Vermittlungen zu suchen, mit deren Hilfe die auftretenden Konflikte gelöst werden können, oder auch Regeln zu finden, die dabei helfen können (S. 7).

Diana Sartori bezieht sich ebenfalls auf Hannah Arendt, wenn sie schreibt, Politik sei nichts anderes als, die eigene Freiheit zu leben, und Freiheit sei die Fähigkeit aller Menschen, Neues in die Welt zu bringen, also ein Wunder. Nur dass dieses Wunder nicht außerordentlich sei. Politik sei, so formuliert Diana Sartori, „die Kunst der alltäglichen Wunder“ (S. 49).

Noch eine schöne Formulierung, was Politik ist, fand Chiara Zamboni bei Carla Lonzi: Politik werde nicht gemacht, sie ereigne sich. Politik sei dort, wo es geschehe, dass ein Stück Wahrheit ans Licht komme. Und der Bereich des Politischen sei der Ort, an dem sich die Wahrheit Raum schaffen könne (S. 114).

Diotima: Potere e politica non sono la stessa cosa. Liguori editore, Napoli 2009, 144 S., € 14,90

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2 Kommentare zu “Was politisch ist und was nicht

  1. Das, was du beschreibst, was Chiara Zamboni mit Damespiel bzw. Schachspiel sagen will, verstehe ich nach mehrfachem Lesen noch immer nicht. Sollte da etwa gemeint sein, dass ein Springer wegen seiner Festlegung auf einsgradeinsschräg oder umgekehrt eingeschränkt ist,
    so kann ich das als Schachspielerin nicht gut nachvollziehen. Denn dieses einsgradeinsschräg ist als solches völlig unwichtig; aber eingebettet in den Spielablauf kann dieser Springer im rechten Augenblick eingesetzt Ungeheures bewirken, -aber nur da. -Ich werde den Text noch paarmal lesen…

  2. Liebe Fidi,
    wie bei jedem Bild ist es auch hier so, dass man es nicht allzu wörtlich nehmen darf. Am wichtigsten daran ist für mich die Vorstellung, dass nach unterschiedlicher Logik auf ein und demselben Spielbrett gespielt wird und es daher ständig zu Fehlinterpretationen (und den entsprechenden Reaktionen) kommt. So wie ja auch zwischen Frauen und Männern, die gemeinsam dieselbe Erde bewohnen und doch vieles so unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren. Da beim Schach die Figuren in ihren jeweiligen Aktionsmöglichkeiten festgelegt und zumindest von den Bezeichnungen her hierarchisch sind, bot sich dieses Spiel als Bild für die Logik der Macht an. Es geht ganz bestimmt nicht darum, das Schachspiel irgendwie zu verunglimpfen. (In anderem Kontext verwenden die Diotima-Philosophinnen auch Situationen aus dem Schachspiel, und erklären etwas anderes damit). An Chiaras Bild hat mir auch noch gefallen, dass wir vielleicht nicht so moralisch mit dem Thema Macht und Politik umgehen, wenn wir beides als unterschiedliche Spiele betrachten.

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