Krebskrank nur am Wochenende

Am 15.03.2010 stand in meiner Tageszeitung (Badische Zeitung) unter der Rubrik „Menschen“ eine kleine Notiz über Heide Simonis, die frühere schleswigholsteinische Ministerpräsidentin, die mich „beelendet“, mich schmerzt und traurig macht.

Simonis hat jetzt erst darüber gesprochen, dass sie ihre Krebserkrankung 2002 vor der Öffentlichkeit verborgen hat, indem sie den Tropf unter einer großen Stola versteckte, die Strahlentherapie „quasi nebenbei“ machte und den Operationstermin aufs Wochenende legte, so dass sie bei der Arbeit keinen einzigen Tag fehlte. Keiner habe es gemerkt. Es sei ihr aber hinterher nicht besonders gut gegangen.

Was ist das für eine Kultur, für eine Gesellschaft, in der eine schwer kranke Frau sich so etwas antut? Für mich verdichtet sich in dieser Geschichte etwas von dem, was an unserer „symbolischen Ordnung“, an den Grundvorstellungen unserer Kultur, völlig falsch ist, da es nicht mit der menschlichen Realität übereinstimmt. Falsch ist die Vorstellung von den erwachsenen, gesunden, leistungsfähigen, unabhängigen Normalbürgern, aus der unsere Gesellschaft angeblich besteht, wobei Kinder, Alte und Kranke als Randerscheinung betrachtet werden. In Wirklichkeit sind wir von der Geburt bis zum Tod, auch in den Phasen großer Leistungsfähigkeit  und Kreativität, immer auch bedürftige, schwache, verletzliche und beschädigte Wesen, abhängig von der Fürsorge und Unterstützung durch andere, voller Lebens- und Todesangst, gebunden in Beziehungen, auch in der Trauer über die Menschen, die wir schon verloren haben. 

Während das Bild vom Normalbürger ursprünglich als männliches Bild entworfen wurde, dürfen die heutigen Normalbürger auch weiblich sein. Aber nur dann, wenn sie sich hüten, etwas von dem sichtbar werden zu lassen, was ihren früheren Ausschluss begründet hat – Schwäche zu zeigen, Gefühle zu haben, den Beziehungen zu ihren nächsten Angehörigen Priorität einzuräumen, überfordert zu sein mit all den Leistungen, die ihnen abverlangt werden. Wenn sie sich an diese Regel halten, können Frauen heute dank der Emanzipation auch Spitzenpolitikerinnen sein. So haben genau diejenigen, die vielleicht am ehesten in der Lage wären, die falsche Vorstellung vom Normalbürger in Frage zu stellen – weil Frauen traditionell mehr mit den Bereichen zu tun haben, die in unserer verkehrten Ordnung aus dem Blickfeld geräumt werden – am wenigsten die Freiheit dazu. Eine Frau kann Kanzlerin sein, wenn sie sich selbst als Normalbürgerin definiert und damit auch ihrem Frausein jegliche Bedeutung abspricht. Eine Mutter von sieben Kindern kann Ministerin sein, wenn sie beweist, dass sie damit nicht überfordert ist oder dass gar ihr Muttersein sie an der Erfüllung ihrer Normalbürgerpflichten hindern könnte. Eine krebskranke Ministerpräsidentin muss ihr Leiden verbergen, weil es ihr als unvereinbar erscheint mit dem Bild des gesunden Normalbürgers, denn nur wer ein solches Bild von sich aufrecht erhalten kann, kommt für eine solche Position in Frage.

So sind es eher Männer, durch die sich manchmal kurz der Vorhang öffnet, der über unser aller Schwäche und Bedürftigkeit gebreitet wird: ein Spitzensportler, der an Depressionen leidet und sich das Leben nimmt, ein Politiker, der seine Ämter aufgibt, weil er bei seiner sterbenskranken Frau sein will. Doch ich befürchte, dass ein solches kurzes Aufblitzen der Wahrheit über unser tatsächliches Menschsein nicht genügt, damit das Bild vom Normalbürger endlich aufgegeben wird. Dies wäre aber die Voraussetzung für eine sinnvolle Umgestaltung unserer Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der die eigene Hinfälligkeit nicht verborgen werden muss, aus Angst, sonst an den Rand gedrängt zu werden.

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4 Kommentare zu “Krebskrank nur am Wochenende

  1. Das erinnert mich an ein Interview mit Heide Simonis, in dem sie einmal gesagt hat, sie würde vor allem deshalb ihre Anliegen in der Politik durchbringen, weil sie so selten aufs Klo muss und deshalb bei langatmigen Sitzungen nie den Raum verlassen muss 🙂 – Die Meldung in der Badischen Zeitung scheint auf ein langes Welt-Interview zurückzugehen. http://www.welt.de/politik/deutschland/article6768146/Als-Heide-Simonis-nebenher-den-Krebs-besiegte.html Es ist schon bezeichnend, dass die kritische Nachfrage im Bezug auf ihren Umgang mit der Krankheit allein darauf abzielt, ob sie nicht eher hätte Schluss machen sollen. Die Alternative scheint also tatsächlich zu sein: Krankheit verschweigen oder das Amt aufgeben.

  2. Ja, das ist wirklich ein Elend! Es hat aber auch jede Einzelne die Möglichkeit, sich ANDERS zu verhalten – eine schwere Krebsoperation ist doch ein allseits akzeptierter Grund, zu fehlen!

    (Deine Schrift hier ist unglaublich KLEIN! Viele Surfer/innen haben heute größere Bildschirmauflösungen als die, für die dieses Theme mal gebaut wurde. Vielleicht magst du die Schrift mal vergrößern? Es wäre dann sehr viel lesefreundlicher!)

    • Da die Situation nach einer schweren Krebsoperation ja auch für die „Mitbetroffenen“ eine Last sein kann, stimmt das mit der Akzeptanz theoretisch. In der Praxis geht es aber nicht ohne Druck ab.

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